Bericht • 05.11.2018

Das große Summen in Island: Drohnen liefern Essen aus

Lieferung durch die Luft auch bald in Deutschland?

In Island gibt es sie schon, die Zustellung mit Drohnen. Der Lieferservice des Onlinemarktplatzes aha.is in Reykjavik schickt ferngesteuerte Mini-Helikopter durch die Luft und verkürzt damit Lieferzeiten und -kosten.

Er wollte der Erste in Europa sein und hat es auch geschafft: Maron Kristófersson, CEO und Gründer von aha.is, Islands größtem Onlinemarktplatz, liefert seinen Kunden Bestellungen aus der Luft.

Screenshot aha.is
Karte der mittlerweile 15 Lieferrouten von aha.is
Quelle: Screenshot aha.is

Der Hauptgrund dafür ist die Zeitersparnis. Eine Lieferung mit dem Auto aufgrund der Straßensituation dauert nämlich ziemlich lang – nur eine vielbefahrene Straße führt in die Stadt. Ungünstig, gerade für Essenslieferungen. Die Flugvariante dagegen spart 20 Minuten ein, weil sie einfach über das anliegende Gewässer führt. Die Lieferungen von aha, der sich 100 Restaurants anschließen, werden von einem Mitarbeiter gestartet und können entweder an festen Lieferpunkten (siehe Karte) oder dem eigenen Garten vom Bestellenden angenommen werden. Dafür braucht dieser allerdings das schriftliche Einverständnis seiner Nachbarn.

Bei Ankunft am geplanten Zielort erhält der Empfänger eine SMS, bestätigt seine Anwesenheit und die Drohne lässt die Ware an einem langen Draht zu ihm herunter. Das ist ein spannendes Erlebnis, das aber manchen Bewohnern der Hauptstadt tatsächlich noch Bedenken bereitet, weil sie an der Sicherheit der Flugobjekte zweifeln. Andere glauben, dass der Flugbetrieb die Vögel stören könnte. Dennoch entwickelt sich das Konzept stark weiter. Waren Anfang dieses Jahres erst zwei Drohnen im Einsatz, sind es nun schon 15. Die Routen sind festgelegt, die Drohnen dürfen aber bis zu 700 Meter davon abweichen, um die Kunden zu erreichen.

Lange Testzeit, schnelle Entwicklung

Bis die erste Drohnenroute eröffnet werden durfte, brauchte es 14 Monate Vorbereitungszeit. „Fünf Behörden mussten die Dohnenflüge genehmigen“, berichtet Kristófersson. Die Testflüge machte der Vordenker mit seiner Familie. Während Drohnentester an anderen Orten die Fluggeräte von fahrenden Autos starten lassen müssen, um Windtests zu machen und sie zusätzlich mit Wasser beschießen müssen, brauchte er keine widrigen Wetterumstände zu fingieren. In Island könne man Sturm, Eis, Hagel, Regen und Schnee an einem Tag haben, weshalb seine Drohnen unter realen Bedingungen schnell auf Herz und Nieren geprüft wurden. Bei starkem Wind und sehr schlechten Wetterbedingungen starten die Drohnen nicht. Dann müssen die Elektroautos ran, die der Lieferant weiterhin unterhält.

Die automatisch fliegenden Transporter schaffen täglich bis zu 30 Lieferungen mit drei Kilogramm Ladung. Die Flugzeit kann bis zu 25 Minuten dauern. Laut Kristófersson sollen sich die Reichweite und das Ladungsgewicht bei Drohnen generell um 25 Prozent erhöhen. Zehn Kilogramm würde er gern mit seinen Drohnen transportieren. Sechs zertifizierte Mitarbeiter, die „Operators“, könnten in Zukunft jeweils zwölf Drohnen gleichzeitig steuern.

Amazon, UPS und Alibaba – erste Tests in den USA, GB und China

Während der Isländer sein Vorhaben Drohnenlieferung schon umgesetzt hat, testen Lieferriesen wie Amazon und UPS ähnliche Systeme. Unter „Amazon Prime Air“ finden vereinzelt Testflüge mit Drohnen in Großbritannien statt. Ebenso versucht UPS in den USA, ländliche Gegenden mit Drohnenlieferungen zu versorgen. Hier wird nicht wie bei Amazon von einer kleinen Zentrale aus gestartet, sondern direkt vom Lieferwagen mit umgebautem Dach (dieses öffnet sich, die Drohne fliegt los und landet dort auch wieder). Während der Lieferant selbst eine Tour fährt, kann die Drohne in derselben Zeit einen anderen Standort in der Nähe anfliegen und sogar zum Transporter zurückkehren, selbst wenn dieser schon seinen Standort geändert hat.

In Shanghai nutzt nun auch der Lieferdienst Ele.me (gehört zu Alibaba) Drohnen für die Essenslieferung – allerdings innerhalb eines Industriegeländes, dem Shanghai’s Jinshan Industrial Park. Hier werden die fliegenden Waren von Mitarbeitern entgegengenommen und zum Kunden gebracht.

Kommt bald auch die Lieferung via Drohne in Deutschland?

Zugegeben: Eine Lieferung durch die Luft könnte das ein oder andere Stauaufkommen in Ballungsgebieten bestimmt mindern. Der wachsende E-Commerce und die damit verbundene Frage nach dem schnelleren und umweltfreundlicheren Versand sowie dem Retourenmanagement spornen an, nach möglichen Lieferalternativen zu suchen.

Laut einer umfangreichen Studie in mehreren EU-Ländern sind Konsumenten sogar bereit, diese Form der Lieferung zu nutzen. Schon sind Hersteller in den Startlöchern, die Lösungen für einfaches Bezahlen bei Drohnenlieferungen ermöglichen wollen.

Die Frage ist nur: Wenn es in Deutschland schon nicht möglich ist, chinesische Laternen in die Lüfte zu lassen, ohne vorher die Luftfahrtbehörde zu informieren, lässt sich erahnen, woran die Lieferart noch längerfristig scheitern könnte. Drohnenflüge unterstehen immer mehr Regularien, die die kommerzielle Nutzung erheblich erschweren würden.

Die Lieferung durch die Luft werde sich langfristig nicht durchsetzen, unken deutsche Logistikexperten: zu wenig Platz, zu wenig Kapazitäten und so weiter. Sie sehen eher zentrale Lieferpunkte als Alternative, die die Straßen von zu vielen Lieferwagen befreien sollen.

Derzeit arbeiten die europäischen Luftfahrtbehörden noch an einheitlichen Richtlinien für den Einsatz von Drohnen – allerdings denen, die mit 150 Kilogramm in einer ganz anderen Liga spielen. Sicher ist, dass das Thema Drohne eigentlich gerade erst richtig in Gang kommt. Und vielleicht schafft es ja sogar Deutschland einmal, eine Technologie einfach auszuprobieren.

Autor: Natascha Mörs, iXtenso - Magazin für den Einzelhandel

Weitere Beiträge zum Thema:

Beliebte Beiträge:

Thumbnail-Foto: Weltneuheit für IKEA Amsterdam macht Außenlager überflüssig...
05.02.2024   #Tech in Retail

Weltneuheit für IKEA Amsterdam macht Außenlager überflüssig

Einfachere und schnellere Abholung von Bestellungen mit Schließfächern und innovativen Abholautomaten

IKEA Amsterdam führt eine innovative Lösung für Click & Collect-Bestellungen ein und kann sich damit von ...

Thumbnail-Foto: REMIRA-Anwenderbericht: mehr Transparenz und effizientere Abläufe...
31.10.2023   #stationärer Einzelhandel #Handel

REMIRA-Anwenderbericht: mehr Transparenz und effizientere Abläufe

DURAL verbessert mit LOGOMATE das weltweite Bestandsmanagement

Optimierte Lagerbestände, bessere Warenverfügbarkeit und eine deutliche Entlastung der Mitarbeiter von zeitraubenden Aufgaben – all das hat die Einführung der Bestandsmanagementsoftware LOGOMATE bei DURAL bewirkt. Nach der ...

Thumbnail-Foto: Kosten senken bei der Retourenlogistik im Einzelhandel...
08.12.2023   #Etiketten-Drucker #Automatisierung

Kosten senken bei der Retourenlogistik im Einzelhandel

Optimierung durch industrielle Etikettendrucker von Citizen

Retouren sind ein kostspieliger Faktor im Einzelhandel. Einer aktuellen Studie des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Produktion und Logistik der Universität Bamberg zufolge, ist Deutschland Europameister beim Thema ...

Thumbnail-Foto: REMIRA-Umfrage: Unternehmen bei Inventur nicht voll lieferfähig...
26.10.2023   #stationärer Einzelhandel #Handel

REMIRA-Umfrage: Unternehmen bei Inventur nicht voll lieferfähig

Jedes vierte Unternehmen ist während gesetzlich vorgeschriebenen Inventur nicht liefer- und produktionsfähig.

Trotzdem nutzen bislang nur 10 % aller Firmen die Möglichkeit einer schnellen und einfachen Stichprobeninventur mit statistischen Verfahren. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Civey-Umfrage unter deutschen Erwerbstätigen, die ...

Thumbnail-Foto: Distribution: die 10 wichtigsten Trends und Prognosen...
04.12.2023   #Datenanalyse #Künstliche Intelligenz

Distribution: die 10 wichtigsten Trends und Prognosen

Worauf du dich als Händler*in einstellen kannst

Produzent*innen, Hersteller*innen und Verbraucher*innen sind durch die Distribution verbunden. In einer schnelllebigen Welt mit raschem technologischen Fortschritt steht jedoch genau dieses Bindeglied unter wachsendem Druck. Dass sich die ...

Anbieter

REMIRA Group GmbH
REMIRA Group GmbH
Phoenixplatz 2
44263 Dortmund
Citizen Systems Europe GmbH
Citizen Systems Europe GmbH
Otto-Hirsch-Brücken 17
70329 Stuttgart