Sexy Leergut? 20 Jahre DPG-System im Praxistest

Drei Stimmen aus Anbieter, Verband und Handel zum 20-jährigen Bestehen der Pfandrückgabe

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Quelle: EDEKA/Josef Mühlenbein e.K.

„Leergut muss sexy sein." Wenn Josef Mühlenbein, Inhaber von EDEKA Mühlenbein in Kassel, über die Pfandrückgabe spricht, klingt das pragmatisch und doch zugespitzt. 

Seit 20 Jahren funktioniert in Deutschland die harmonisierte Rückgabe von Pfandgebinden über Händlergrenzen hinweg – international gilt das DPG-System als Vorbild. Doch wo steht es heute wirklich? Stimmen vom Anbieter TOMRA, vom Handelsverband HDE und aus der Filiale.



Die Anbietersicht: Thomas Løstegård im Interview

Wie sich die Anforderungen an Rücknahmesysteme über zwei Jahrzehnte verändert haben und wohin die Technologie steuert, ordnet Thomas Løstegård ein. Der Geschäftsführer von TOMRA Collection Deutschland begleitet das DPG-System als Anbieter seit vielen Jahren.

Thomas, Pfandrückgabe gilt heute als Alltag. Was ist aus deiner Sicht der entscheidende Faktor dafür, dass das System nach 20 Jahren im Markt so verlässlich funktioniert?

Das ist ein besonderer Meilenstein für Deutschland und die DPG. Entscheidend für diesen Erfolg ist, dass das System eben im Alltag funktioniert: Es verbindet Kreislaufführung, klare Leistungsziele, Convenience, klare Verantwortlichkeiten und Systemintegrität. So entsteht Vertrauen – bei Verbraucherinnen und Verbrauchern ebenso wie im Handel. DPG, Handel, Konsumenten und Partner wie auch wir es sind, tragen gemeinsam dazu bei, dass Rückgabe in Deutschland einfach, planbar und verlässlich funktioniert.

Welche Anforderungen stellen Händler heute an Rücknahmesysteme – und welche haben sich seit 2006 am stärksten verändert?

Rücknahme ist heute nicht mehr nur ein Pflichtprozess, sondern Teil des Einkaufserlebnisses. Händler erwarten Systeme, die für Kundinnen und Kunden bequem sind, Wartezeiten reduzieren und zugleich im Betrieb effizient laufen. Entscheidend sind hohe Verfügbarkeit, starker Durchsatz, intuitive Bedienung, gute Flächennutzung und Entlastung der Mitarbeitenden. Bewertet wird heute nicht mehr nur der Automat, sondern der gesamte Rücknahmeprozess – vom Frontend über den Backroom bis zu Service, Ersatzteilverfügbarkeit und langfristiger Betriebssicherheit.

Personal, das den Pfandoutmaten in einer Filiale bedient...
Quelle: TOMRA

Sensorik, Multi-feed, Hintergrundsortierung: Welche technologische Entwicklung hat den Alltag in der Filiale am stärksten geprägt – und wo entlastet sie die Mitarbeitenden konkret?

Einer der größten Hebel liegt im Backroom. Lösungen wie TOMRA RollPac zeigen, wie Rücknahmelogistik Mitarbeitende entlasten kann: Gebinde werden effizient gesammelt und kompaktiert, bestehende Rollbehälterstrukturen genutzt und körperlich belastende Arbeitsschritte reduziert. Multi-feed-Systeme wie der TOMRA R2 setzen zusätzlich am Kundenerlebnis an, weil größere Mengen in einem Vorgang zurückgegeben werden können. Die stärkste Wirkung entsteht im Zusammenspiel: zuverlässige Erkennung am Frontend und effiziente Sortier- und Kompaktierprozesse im Hintergrund.

Mit der EU-Verpackungsverordnung steigen die Recyclingquoten. Welche Rolle spielt das DPG-System in dieser Entwicklung – und wo muss es sich weiterentwickeln?

Die Entwicklungen auf EU-Ebene unterstreichen, wie wichtig leistungsfähige, sichere und vertrauenswürdige Pfandsysteme sind. Das DPG-System hat sich über 20 Jahre bewährt: Es erfasst Verpackungen gezielt und führt Materialien in hochwertige Recyclingströme zurück. Künftig geht es darum, diese Stärken weiterzuentwickeln – mit hoher Convenience, klarer Governance, Systemintegrität, digitaler Anschlussfähigkeit und effizienten Prozessen, die mit steigenden Anforderungen an Materialqualität, Prozessgeschwindigkeit und Kreislaufführung mitwachsen.

In mehreren europäischen Ländern entstehen gerade neue Pfandsysteme. Was können diese vom deutschen Modell lernen – und wo sollten sie eigene Wege gehen?

Aus dem deutschen DPG-System lassen sich wertvolle Erfahrungen ableiten: klare Governance, die Ausrichtung aller Beteiligten auf ein gemeinsames Ziel und eine bequeme, vertrauenswürdige Rückgabeinfrastruktur. Gleichzeitig sollte kein Land das deutsche Modell eins zu eins kopieren. Handelsstrukturen, Logistik, Geografie, Regulierung und Verbrauchergewohnheiten unterscheiden sich. Übertragbar sind vor allem die Grundprinzipien erfolgreicher Systeme: einfache Nutzung, klare Rollen, starke Handelsintegration, verlässliche Infrastruktur und langfristige Systemintegrität.

Was ist das DPG-System? Die DPG Deutsche Pfandsystem GmbH wurde 2005 von Spitzenverbänden aus Handel und Getränkewirtschaft gegründet. Seit dem 1. Mai 2006 steuert sie die harmonisierte Rückgabe pfandpflichtiger Einweggetränkeverpackungen in Deutschland – Verbraucherinnen und Verbraucher können ihre Gebinde seither händlerübergreifend zurückgeben. International gilt das System als Vorbild für funktionierende Einwegpfandlösungen.


Die Verbandssicht: Drei Fragen an den HDE

Wie der Spitzenverband des deutschen Einzelhandels den Stand und die Zukunft des DPG-Systems bewertet, fasst Antje Gerstein, Geschäftsführerin Nachhaltigkeit des HDE, in drei Punkten zusammen.

Wie bewertet der HDE das DPG-System nach 20 Jahren – was läuft, wo hakt es noch?

Das DPG-System ist eine Erfolgsgeschichte und hat sich in den zwanzig Jahren seiner Existenz bewährt. Heute dient es europaweit als Vorbild für ein gut funktionierendes System zur Rücknahme von Einweggetränkeverpackungen. Der DPG ist es in den vergangenen Jahren gelungen, auf die sich ändernden Gegebenheiten am Markt stets zügig zu reagieren. Für die Unternehmen ist die DPG ein verlässlicher Partner geworden, der ein schlankes, effizientes und wirtschaftlich tragfähiges System etabliert hat.

Wo sehen Händler heute die größten Pain Points im Pfandsystem, operativ oder wirtschaftlich?

Im Zuge der Umsetzung der EU-Verpackungsverordnung (PPWR) ist es für die Unternehmen wichtig, dass das bestehende und gut funktionierende System in Deutschland weitgehend erhalten bleibt. Anpassungen, die notwendig sind, um den europäischen Vorgaben gerecht zu werden, sollten so konzipiert sein, dass sie bestehende Strukturen ergänzen. Dafür haben sich die Gesellschafter der DPG auch im Beteiligungsprozess der PPWR und bei der nationalen Umsetzung stark gemacht. Eine komplette Umstellung des Systems, andere Vorgaben etc. würden für die Unternehmen einen massiven administrativen und finanziellen Aufwand mit sich bringen.

Ist das System robust genug für PPWR, Mehrwegquoten und mögliche Erweiterungen auf weitere Verpackungsfraktionen?

Das System hat bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass man sich auf Veränderungen umfassend und detailliert vorbereitet und die betroffenen Unternehmen bei diesen Prozessen intensiv einbindet. Auch bei der Diskussion um die PPWR und deren Umsetzung war und ist das der Fall. Man kann also davon ausgehen, dass auch die kommenden Herausforderungen von der DPG so gemeistert werden, dass das System weiterhin gut funktioniert.



Mann mit Hut lehnt in einer Filiale an einem alten VW-Bus...
Josef Mühlenbein, Inhaber EDEKA Mühlenbein in Kassel: „Leergut muss sexy sein."
Quelle: Jannik Hammes Fotografie

Stimme aus der Filialpraxis: Josef Mühlenbein

Wie sich das DPG-System im Alltag eines Lebensmittelmarkts anfühlt, beschreibt Josef Mühlenbein, Inhaber von EDEKA Mühlenbein in Kassel.

„Leergut muss sexy sein."

Josef Mühlenbein bringt die zentrale Herausforderung der Pfandrückgabe in einem Satz auf den Punkt: „Niemand will sich mit schmierigen, schleimigen, klebrigen, dreckigen Gebinden beschäftigen." Die Harmonisierung 2006 sieht er als wichtigen Schritt – sie habe die Insellösungen abgelöst und sei „ein guter Impulsbringer für alle, die das Thema Leergut verstanden haben", sowohl für Kundenbindung als auch für Umsatz. Eine Baustelle bleibt für ihn der Mehrwegbereich: Viele Gebinde seien noch nicht harmonisiert, individuelle Flaschen machten die Sortierung für die Mitarbeitenden aufwendig. Hinzu komme, dass Mehrweg schrumpfe, während Einweg weiter wachse.

„Ohne die Technik gar nicht mehr möglich."

So beschreibt Mühlenbein den heutigen Filialalltag. 2006 sei es noch üblich gewesen, Einweg- und Pfandgebinde per Hand anzunehmen – heute undenkbar. Hocheffizient, revisionssicher, ausfallsicher und auf kleinem Raum: Das seien die Anforderungen, im Frontend wie im Backend. In seinem Markt funktioniere das spürbar – über Ausfälle, lange Wartezeiten oder Annahmeprobleme könne er nicht klagen.

„Mehr Sexiness fürs Personal."

Sein Wunsch an die nächsten zehn Jahre ist klar formuliert: weitere Harmonisierung im Mehrwegbereich und mehr Robotik im Backend, die das Personal von schweren und schmutzigen Arbeiten entlastet. „So sexy, wie man es eigentlich für den Kunden jetzt gemacht hat, wünsche ich mir noch mehr Sexiness fürs Personal."



Drei Sichtweisen, ein Befund

Unser Fazit: Zwei Jahrzehnte nach Einführung steht das DPG-System solide im Markt – darin sind sich alle drei Befragten einig. Doch die drei Stimmen zeichnen auch klare Baustellen nach: Der Druck der EU-Verpackungsverordnung verlangt Anpassungen, ohne das funktionierende System zu zerlegen. Technische Hebel liegen vor allem im Backroom – beim Personal, das die schwersten Arbeitsschritte heute noch in der Hand hat. Und bei den Mehrwegquoten: Laut Umweltbundesamt lag der Anteil von Mehrweggetränken 2023 bei 34,3 Prozent. Das gesetzliche Ziel von 70 Prozent wurde damit erneut deutlich verfehlt, Einweg-Kunststoffflaschen dominieren mit 39,3 Prozent weiterhin den Markt.

Wenn das nächste Jubiläum nicht nur eine Erfolgsbilanz, sondern auch einen Fortschritt zeigen soll, müssen alle Beteiligten genau an diesen Stellen ansetzen.

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