Interview • 23.01.2023

Ohne Farbe, dafür mit viel Umweltbewusstsein

Bonprix setzt mit ungefärbter Produktlinie neue Impulse in Sachen Nachhaltigkeit

2022 präsentierte die Otto-Tochter mit „Undyed“ Styles erstmal Produkte, die ganz ohne Färbungen auskommen: naturfarbene Sweatshirts, Nacht- und Unterwäsche sowie Socken. Wie kam die Idee auf, wie wurde sie umgesetzt und wie verändern Nachhaltigkeitsziele neben der Außenwirkung auch interne Strukturen und Vorgänge im Modeunternehmen? Stefanie Sumfleth, Bereichsleiterin Corporate Responsibility & Technical Product bei bonprix, hat uns einen Einblick gegeben.

Frau mit lockigen Haaren, Brille und buntem Oberteil lächelt in die Kamera...
Stefanie Sumfleth, Bereichsleiterin Corporate Responsibility & Technical Product bei bonprix
Quelle: bonprix

Stefanie, welche Mankos siehst du in der Handelsbranche, wenn es um das Thema „Nachhaltigkeit“ geht?

Die Branche muss sich in Richtung einer transparenten, zirkulären und klimafreundlichen Textilproduktion verändern. Jedes Unternehmen muss da für sich einen Weg finden, unverhandelbare Ziele setzen und diese kontinuierlich verfolgen. Es kann nicht mehr um das „Ob“ gehen, sondern nur noch um das „Wie“.

Bei bonprix arbeitet ihr schon länger daran umweltbewusst zu produzieren und zu handeln, richtig?

Genau, wir verfolgten schon früh die Nachhaltigkeitsziele der Otto Group-Strategie. Mit unserer Nachhaltigkeitsstrategie „How we make“ setzten wir bei bonprix 2017 die ersten eigenen, weiterreichenden Ziele: etwa die Steigerung nachhaltiger Fasern. Unter anderem sollte bis 2020 die Menge an nachhaltig erzeugter Baumwolle auf 100 Prozent erhöht werden; dieses Ziel wurde erreicht. Außerdem haben wir in Innovationen investiert, wie das wasserlose Färben durch eine neue CO2-basierte Färbetechnologie, und sind für uns wichtigen Initiativen beigetreten wie der Sustainable Apparel Coalition (SAC). Seit 2020 verfolgen wir noch ambitioniertere Ziele mit der neuen Strategie „positive choice“: 100 Prozent nachhaltigere Produkte im Sortiment, 100 Prozent klimaneutrales Unternehmen und 100 Prozent Transparenz in der Lieferkette bis 2030. Dafür arbeiten wir in fünf Handlungsfeldern, für die jeweils messbare Etappenziele bis 2025 definiert sind:

  • „positive product”: 70 Prozent nachhaltigere Fasern und komplett nachhaltigere Verpackungen
  • „positive making“: Reduktion der CO2-Emissionen um 40 Prozent und Verzicht auf physische Samples in der Produktentwicklung
  • „positive view“: Lieferkettentransparenz bei allen strategischen Lieferanten
  • „positive partners“: Aufbau eines umfassenden Trainingsprogramms für Lieferanten und ihre Partner
  • „positive circle“: kreislauffähige Produkte und Lösungsansätze für und mit Kund*innen

Wie kam es zur Entwicklung dieser Vorhaben?

Als vertikales Modeunternehmen, das seine Produkte selbst designt und produzieren lässt, ist die Frage, wie diese Produkte hergestellt werden, für uns nicht neu. Unser Nachhaltigkeitsbereich ist bereits vor Jahren aus unserem Beschaffungsbereich erwachsen. Denn in unseren Lieferketten liegen die größten Auswirkungen unseres Handelns auf Mensch und Natur. Welche Fasern wir einsetzen, mit welchen Partnern wir zusammenarbeiten und unter welchen Bedingungen diese produzieren, sind ganz entscheidende Faktoren, um echte Veränderungen anzustoßen.

Person mit weißem Kleid vor einem blauen Himmel
Quelle: bonprix

Wie spiegelt sich das in eurer Arbeitsaufteilung wider?

Wir haben im Headquarter in Hamburg eine Corporate Responsibility-Abteilung mit neun Mitarbeitenden, die mit sämtlichen anderen Abteilungen von Produktmanagement und Qualitätsentwicklung über Logistik bis hin zu Marketing und Kommunikation zusammenarbeiten. Außerdem unterstützt zusätzlich ein operatives Team dabei, die Anforderungen in der Lieferkette nachzuhalten.  Das heißt, die CR-Abteilung setzt Impulse, doch die Umsetzung geschieht in vielen verschiedenen Abteilungen. Durch diese fachübergreifende Zusammenarbeit handeln zahlreiche Kolleg*innen in ihrem Joballtag bereits nachhaltig. Darauf achten wir auch im Büroalltag: So wurden dank des Engagements von engagierten Mitarbeitenden in der Initiative „sustainable campus“ etwa wiederverwendbare Müllsäcke, nachhaltige Büromaterialien und die anteilige Umstellung auf Ökostrom erfolgreich umgesetzt. Zudem gibt es in der Kantine heute nur noch palmölfreie Bioprodukte, Fairtrade-Kaffee und Mehrwegverpackungen.

Ein Begriff, der beim Thema Nachhaltigkeit immer wieder fällt, ist „Supply-Chain-Management“. Ihr setzt nun auch auf ungefärbte Produkte. Wie kamt ihr auf die Idee?

Die Undyed-Produkte sind nur ein Beispiel, wie nachhaltigere Produkte gestaltet werden können. Wir wissen, dass unsere Kundin in erster Linie daran interessiert ist, Kleidung zu finden, die zu ihr passt, sie inspiriert und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet. Undyed bietet einen schönen natürlichen Look, der zur Zeit des Launches auch ein Trendthema war. Dass wir die aktuellen Beige-Töne auch auf nachhaltigere Weise kreieren konnten, war also ein schönes Beispiel dafür, Fashion und nachhaltigere Produktion miteinander zu verbinden. 

Person mit weißer Unterwäsche auf einer grünen Wiese...

Wie wurde die Idee umgesetzt?

Damit ein Produkt bei uns als nachhaltig ausgelobt werden kann, muss es klare Kriterien an die Faser und/oder den Produktionsprozess erfüllen. Die Kriterien beruhen auf Life-Cycle-Assessment-Daten, kurz LCA-Daten (Ökobilanzdaten), die nachweislich einen ökologischen Vorteil bieten müssen. Der Undyed-Prozess war zum Zeitpunkt der Idee noch nicht bewertet worden. In einem ersten Schritt ging es daher darum, gemeinsam mit zwei Lieferanten, die diesen Prozess anbieten konnten, zu erschließen, wie genau ungefärbte Mode produziert wird und ob dadurch tatsächlich ausreichend ökologische Vorteile entstehen. Diese Bewertung wird bei uns zentral in der Otto Group vorgenommen und fiel für den Undyed-Prozess positiv aus.  

Inwiefern ist das Ganze nachhaltig?

Zum einen wurden unsere Undyed-Styles aus nachhaltiger Baumwolle wie etwa Bio-Baumwolle gefertigt. Zum anderen ging es um die Färbung: Der herkömmliche Färbeprozess verbraucht viel CO2, Wasser und Prozesschemikalien. Bei den Undyed-Produkten verzichten wir auf das Färben der Textilien und sparen somit wertvolle Wasserressourcen und schonen die Umwelt, weil deutlich weniger Chemikalien zum Einsatz kommen.

Person mit blauem Kleid auf einer grünen Wiese
Quelle: bonprix

Wie ist euer bisheriges Fazit und welche Schlüsse zieht ihr für die Zukunft?

Undyed war für uns nicht nur aus Vermarktungsperspektive interessant. Es war ein gutes Beispiel dafür, wie wir gemeinsam mit unseren Lieferanten im engen Austausch neue Wege gehen können. Unsere Designer*innen haben einen Trend erkannt, unsere Lieferanten haben die passenden Prozesse geliefert und unser Portfolio nachhaltigerer Produkte ist um eine Variante gewachsen.

Klar wurde aber auch: Undyed ist ein sehr spitzes Thema. Nicht jeder Style lässt sich ungefärbt umsetzen. Mode darf und soll bunt und vielfältig sein. Es geht also darum, diesen Prozess und den Dialog zwischen Design, CR-Abteilung, Beschaffung und Lieferant lebendig zu halten, um immer neue Lösungen zu finden.

Was, glaubst du, wird in Zukunft für die Branche wichtig sein?

Die Branche muss sich in Richtung einer transparenten, zirkulären und klimafreundlichen Textilproduktion verändern. Um diese Herausforderungen zu meistern, braucht es Kooperationen in der Branche, enge Zusammenarbeit mit den Lieferanten und neue Partnerschaften am Ende des Lebenszyklus unserer Produkte, um Kreisläufe zu schließen. 

Interview: Katja Laska

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