Bericht • 03.07.2017

Die Zukunft der Logistik ist digital, vernetzt und autonom

Wie die Digitalisierung die Handelslogistik verändert

Die Digitalisierung ist aktuell eine der größten Herausforderungen, der Logistiker gegenüberstehen. Sie führt dazu, dass neue Geschäftsmodelle entstehen und bestehende Strukturen auf die Probe gestellt werden. Vielen Unternehmen fehlt es allerdings noch an nötigem Wissen, um alle Vorteile der neuen Möglichkeiten auszuschöpfen.

Die Veränderungen zeichnen sich in den logistischen Bereichen auf unterschiedlichen Ebenen ab. Im Einzelhandel zielen Digitalisierungsprojekte häufig auf die sogenannte „Letzte Meile“. Im Verbrauchs- und Nahrungsmittelgewerbe liegt der Fokus darauf, Daten verfügbar zu machen und Lieferanten sowie Kunden in Planungsabläufe zu integrieren. Bei Logistikdienstleistern liegt der Schwerpunkt auf der Digitalisierung von Dokumenten sowie der übergreifenden Planung mit Partnern. Aber auch die Intralogistik profitiert durch eine zunehmende Automatisierung der Arbeitsprozesse im Lager selbst.

Innovative Technologien sind Wandlungstreiber der digitalen Transformation

An Bedeutung werden insbesondere Prädiktive Analysen (Predictive Analytics) gewinnen, so ein Ergebnis der Studie „Trends und Strategien in Logistik und Supply Chain Management – Chancen der digitalen Transformation“ (März 2017) herausgegeben von der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Dabei werden historische Daten mit aktuellen Informationen verknüpft, um Entwicklungen zu prognostizieren. Die Erfassung von Datenflüssen und Echtzeitanalysen steht hier genauso im Vordergrund wie der Austausch von Transport-, Bestands- und Bedarfsdaten. So können Predictive Analytics die Effizienz von Transporten verbessern. Besonders im B2B-Bereich spielt dies eine große Rolle, um Leerfahrten zu vermeiden. Bewegungsdaten von Fahrzeugen, die zunehmend in Echtzeit erhoben werden, können als Basis für Prognosen herangezogen werden.

Im Bereich der Lagerhaltung geht es vor allem darum, die verfügbaren Lagerkapazitäten möglichst optimal zu nutzen. Auf der Grundlage historischer Daten können Prädiktive Analysen Muster erkennen, welche Waren wann, wo und wie am effizientesten gelagert und danach kommissioniert und ausgeliefert werden. Analog zur „smart factory“ wird heute vom „smart warehouse“ gesprochen, bei dem alle Annahme-, Lagerungs-, Kommissionierungs- und Auslieferungsprozesse komplett automatisiert ablaufen und dabei auf Predictive Analytics-Prognosen zur Optimierung dieser Prozesse und Arbeitsabläufe zurückgreifen.

Foto: Die Zukunft der Logistik ist digital, vernetzt und autonom...
Quelle: panthermedia.net/TTstudio

In diesem Zusammenhang wird zukünftig auch das Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) und selbstlernende Systeme eine entscheidende Rolle spielen. Seien es Drohnen für die Kommissionierung oder eine autonome Supply-Chain – die Einsatzbereiche von KI in der Logistik sind vielfältig. Profitieren könnten hier insbesondere Auslieferungsdienste auf der letzten Meile. Fahrzeuge wären dann in der Lage selbst zu lernen, indem sie ihre Umgebung strukturieren, in Echtzeit auf den Straßenverkehr reagieren und effiziente Routen berechnen. Zwar hakt es aktuell noch aufgrund zahlreicher rechtlicher und sicherheitstechnischer Aspekte, KI könnte aber dennoch die Logistikbranche revolutionieren, unter der Voraussetzung, dass der Faktor Mensch in die Prozesse weiterhin einfließt. Denn für die Steuerung, für Entscheidungen oder im Störungsfall werden Menschen weiterhin gebraucht.

Optimierung der Supply Chain durch Datenaustausch

Die Studie ergab außerdem, dass der Austausch von Daten – auch über mehrere Supply Chain-Teilnehmer hinweg – notwendiger werde, um individuelle Kundenanforderungen befriedigen zu können. Ausbaupotenzial konnte, neben dem allgemeinen Bedarf an Daten- und Schnittstellenstandards, vor allem bei den Daten zu Materialflussstörungen, Bestands- und Produktionsplanung sowie Bedarfsprognosen festgestellt werden.

Cloudbasierte Systeme können hier helfen, verschiedenen Partnern Prozesse insbesondere bei längeren Lieferketten transparent darzustellen, sowie diese autonom zu realisieren. Möglich macht dies die Implementierung von Schnittstellen in allen beteiligten Unternehmen. Die Daten sind dann jederzeit entlang der Supply Chain abrufbar. So kann der Händler in Echtzeit Informationen über den Lieferstatus abrufen, Daten über Materialflussstörungen beziehen, Bedarfe rechtzeitig erkennen und entsprechend reagieren. Dies ermöglicht folglich eine Anpassung der Produktion auf die tatsächliche Nachfrage („on demand“) und damit eine Steigerung der Effizienz in der Supply Chain.

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Quelle: Picavi GmbH

Sensorik im Umbruch – automatische Datenerfassung 4.0

Auch die Kommissionierung befindet sich im Umbruch. Die Erfassung von Artikeldaten, die Überwachung des Warenstatus, das Auffinden von Artikeln und die effizientere Wegeoptimierung durch Lösungen wie RFID, Barcodes oder NFC sind längst nicht neu. Weiterentwickelt in Form von smarten Brillen oder Linsen, intelligenten Handschuhen sowie Apps lässt sich ihr Potenzial zusätzlich ausbauen.

Vielversprechend seien laut der Bitkom-Studie „Digitalisierung der Logistik“ insbesondere Smartglasses. Die Möglichkeit zur Einblendung von Zusatzinformationen oder Hinweisen macht diese Technologie für Umschlag- oder Wartungsaufgaben besonders nützlich. Vor allem im Bereich der Kommissionierung beobachten Anwender erhebliche Effizienzsteigerungen. Unterstützung liefern ebenfalls intelligente Handschuhe, die Barcodes und RFID-Tags auslesen, ohne dass ein Scanner manuell ausgelöst werden muss. Effizient wird das System zusätzlich durch eine Anbindung an Smartglasses und Pick by Voice-Systeme. Kommissionierer schaffen so wesentlich mehr Picks in der Stunde. Zudem führt die Nutzung dieser Technologie nachweislich zur Senkung des Fehlerindexes.

Ergebnisse und Ausblick der Bitkom-Studie „Digitalisierung der Logistik“ ....
Ergebnisse und Ausblick der Bitkom-Studie „Digitalisierung der Logistik“ .
Quelle: Bitkom

Innovationssprung durch Digitalisierung

Die fortschreitende Digitalisierung verhilft der Logistik zu einem Innovationssprung. So bildet die höhere Verfügbarkeit und Qualität von Daten die Grundlage für neue Services und eine bessere Vernetzung von Transportdienstleistungen. Höhere Lieferzuverlässigkeit, bessere Auslastung von Frachträumen und agilere Dispositionen von Warensendungen: Neue Infrastrukturen sorgen für eine bessere und effizientere Zusammenarbeit aller Teilnehmer entlang der Wertschöpfungskette.

Zwar erschweren mangelnde Kenntnisse und interne Unterstützung die digitale Transformation, jedoch gibt es auch hier bereits Projekte, die Unternehmen bei der Implementierung entsprechender Lösungen unterstützen. Denn, so resümiert Prof. Wolfgang Kersten, Studienprojektleiter der BVL Logistikstudie, richtig: „Der späteste Zeitpunkt, um in die Digitalisierung einzusteigen, ist jetzt.“ Mit der „Digital Hub Initiative“ hat die Bundesregierung beispielsweise daher eine Möglichkeit geschaffen, die digitale Wirtschaft in Deutschland voranzutreiben. Der Digital Hub Logistics ist ein Twin Hub und sowohl in Dortmund als auch in Hamburg lokalisiert. In diesen beiden Innovationszentren entstehen gemeinsame Leuchtturmprojekte, Plattformen, neue digitale Produkte, Services und Geschäftsmodelle, die zusammen mit KMUs, Großunternehmen, Start-ups, Kapitalgeber, Forschung und Gesellschaft entwickelt und umgesetzt werden.

 

Autor: Melanie Günther, iXtenso

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