News • 18.05.2017

"Local Commerce Manifest" veröffentlicht

14 Thesen sollen die Debatte über digitale Lösungen für Standorte und inhabergeführte Geschäfte bereichern

Foto: Local Commerce Manifest veröffentlicht
Quelle: panthermedia.net/Erich Teister

14 Thesen umfasst das Local Commerce Manifest, das Andreas Haderlein auf der von ihm gegründeten Informationsplattform LocalCommerce.info veröffentlicht hat. Betont wird darin die soziale und alltagskulturelle Bedeutung des stationären Innenstadthandels, aber auch, dass sich insbesondere der inhabergeführte Einzelhandel nicht darauf ausruhen kann und neue digitale Wege beschreiten muss, will er der wachsenden Konkurrenz aus dem Internet Paroli bieten.

Amazon dominiert derzeit die Schlagzeilen der Wirtschaftsnachrichten. Der US-Konzern zeigt mit dem Start seines Lebensmittellieferdienstes Amazon Fresh hierzulande einmal mehr, dass es ihm ernst ist um die Revolution im stationären Einzelhandel. Als Brandbeschleuniger des Strukturwandels in Stadt und Handel steht Amazon natürlich längst stellvertretend für die größte Herausforderung der Innenstädte seit Erfindung der Shopping Mall: Frequenzverluste in den Geschäftsstraßen und Kaufkraftabwanderung in das E-Commerce sind keine Phantomschmerzen des allzu gerne klagenden Kaufmanns, sondern belegte Tatsachen.

Wie können Innenstadthändler auf diese Situation reagieren? Weitestgehend verkriechen sie sich wie das Kaninchen vor der Schlange oder verharren angesichts der Dynamik des Wandels in der sprichwörtlichen Schockstarre. Dies gilt in weiten Teilen nicht für die filialisierten Handelsunternehmen, die seit einigen Jahren vehement in Digitalisierungsstrategien investieren. Aber es betrifft den „Laden um die Ecke“, kleine und mittelständische Betriebe, in denen Kunden noch mit Namen begrüßt werden und Beratung groß geschrieben wird bzw. werden sollte. Sie sind „die Bühne und ein identitätsstiftendes Puzzle des Stadtteils, der Gemeinde, der Stadt“ wie es im Manifest heißt.

„Online-Handel ohne ‚Wir‘“, auch das ein markanter, vieldeutiger Satz aus dem Manifest, werde in Zukunft schwierig. Und so rücken die Chancen des Internets für den lokalen Handel und damit für eine attraktive Innenstadt zunehmend in den Vordergrund. Längst sind bspw. RoPo-Effekte (Research online/purchase offline) durch eine erhöhte Sichtbarkeit von lokalen Angeboten im manchmal ziemlich nahen World Wide Web nachgewiesen.

Drei Viertel aller deutschen Internetnutzer suchen lokal relevante Informationen über eine Online-Suchmaschine. Gut jeder vierte Nutzer trifft seine Kaufentscheidung im Internet, kauft dann aber vor Ort (Quelle: The Consumer Barometer Survey, 2014/15). Neuere Untersuchungen gehen gar davon aus, dass 45 Prozent aller stationären Käufe online vorbereitet werden (Quelle: Cross-Channel – Quo Vadis?, ECC Köln). Übersetzt in der dritten These des Local Commerce Manifests heißt dies: „Das Internet ist immer 1A-Bestlage und der Vorhof des stationären Handels. Aufenthaltsqualität fängt deshalb schon im öffentlichen (sic!) digitalen Raum an.“

Darüber hinaus erhöht die steigende Nutzung mobiler Endgeräte den „Local-Faktor“ des Internets. Offline- und Online-Welt durchdringen sich zusehends. Der Wirtschaftspublizist und Innovationsberater Andreas Haderlein hierzu: „Händlergemeinschaften, Politik und Wissenschaft erkennen zunehmend, dass das ‚Betriebssystem‘ Stadt vor dem Hintergrund der Digitalisierung umgeschrieben wird.“ Deshalb fordert er im Manifest: „Wir brauchen den kooperativen Aufstand gegen Uniformität, Innenstadtverödung und Kaufkraftabwanderung in den reinen Online-Handel nicht-lokaler Anbieter, mitgetragen von Gewerbevereinen, Einzelhandelsverbänden, IHKs, City-Managern, Stadtmarketing-Organisationen, Wirtschaftsförderung, Lokalpolitik, Immobilienwirtschaft und – nicht zuletzt – vom Verbraucher selbst. Denn letzterer entscheidet mit seinem Konsumverhalten. Vielen ist noch nicht klar, dass eben dieses Konsumverhalten das Sägen des Astes bedeutet, auf dem man sitzt.“

Es geht dem Autor also auch um eine Verbrauchersensibilisierung. Sind die kleinen Läden weg, weil Kunden vermehrt bei den E-Commerce-Riesen im Netz einkaufen, kratzt das auch am Flair eines Ortes. Ein Ort, den man vor ein paar Jahren vielleicht noch gerade deshalb als Wohnstandort gewählt hat. Mitleid darf der lokale Handel freilich nicht erwarten. „Zuerst die digitale Exzellenz, dann die Moral. Kaufkraftbindung mit dem erhobenen Zeigefinger wird kläglich scheitern“, lautet die letzte These seines Manifestes.

Haderlein, der maßgeblich am Aufbau des nationalen Pilotprojekts Online City Wuppertal beteiligt war, hat mit Local Commerce auch ein lösungsorientiertes Schlagwort parat: „E-Commerce + stationärer Handel = Local Commerce“, so seine griffige Formel. Damit ist die Etablierung digitalen Dachmarketings für den Einzelhandelsstandort unter besonderer Berücksichtigung des veränderten Kaufverhaltens gemeint. Lokale Online-Marktplätze sind hierbei die technisch-konzeptionelle Grundlage.

Auf der Informationsplattform LocalCommerce.info, die unlängst in die Best-of-2017-Liste der Initiative Mittelstand aufgenommen wurde, werden derzeit über 75 digitale Initiativen in Städten und Regionen portraitiert, die mit einer lokalen Shopping-Plattform dem zunehmend online-getriebenen Kunden entgegen kommen wollen. „Ich gehe davon aus, dass bundesweit über 100 digitale City-Initiativen im laufenden Betrieb sind“, so Haderlein. „Auch Verlage treten mittlerweile als digitale Infrastrukturgeber für den lokalen Handel auf. Zwar sind die Ansätze recht unterschiedlich, aber jedes Projekt ist wichtig, da hier agiert und experimentiert statt nur reagiert wird.“

Der Experte für digitale Transformation weiß aber auch: „Eine Mehrheit der Verbraucher, sieht lokale Online-Marktplätze als nützlich an, wenn vor allem eines gegeben ist: die Abbildung der stationären Warenverfügbarkeit.“ Damit freilich tun sich viele inhabergeführte Geschäfte mit wenig Budget für die technische Aufrüstung noch schwer. Deshalb ist Local Commerce auch weit mehr als die Entwicklung und Realisierung eines lokalen Online-Marktplatzes mit Grundfunktionen wie taggleicher Lieferung, Click & Collect oder digitalen Schaufenstern.

Local Commerce ist ein Bewusstseinswandel. Denn Stadtmarketingverantwortliche, Wirtschaftsförderer, Interessengemeinschaften und natürlich die Händler selbst müssen bereit sein, Know-how, Zeit und Geld in einen Moderations- und Transformationsprozess zu investieren, der möglichst viele Gewerbetreibende eines Standortes in die neue Welt des Handels ohne Polarisierung zwischen on- und offline mitnimmt. „Es mangelt nicht an Technologien“, so Haderlein, der jahrelang auch am Zukunftsinstitut von Matthias Horx gearbeitet hat, „sondern an Veränderungsmanagern, die den Kopf des lokalen Einzelhändlers knacken und Leidenschaft für neue Lösungen entfachen.“

Das Local Commerce Manifest ist daher auch ein Appell an Städte und Kommunen, das Heft des Handelns im Strukturwandel des stationären Einzelhandels – der immer auch einen Veränderungsprozess der City bedeutet – selbst in die Hand zu nehmen, anstatt zielführenden innovativen Lösungen hinterherzuhinken. Die 14 Thesen dienen dazu, die Debatte über digitale Lösungen für Standorte und inhabergeführte Geschäfte zu bereichern. Noch einmal der Initiator Haderlein: „Es ist nicht auszuschließen, dass Korrekturen vorgenommen werden müssen oder weitere Thesen hinzukommen. Orte zum Austausch gibt es genug – beispielsweise die Facebook-Gruppe ‚Local Commerce Alliance‘.“

Quelle: LocalCommerce.info

Weitere Beiträge zum Thema:

Beliebte Beiträge:

Thumbnail-Foto: ESL auf dem Vormarsch in Dänemark
14.07.2022   #Tech in Retail #elektronische Regaletiketten

ESL auf dem Vormarsch in Dänemark

Wie ein Bottleshop in Kopenhagen mit elektronischen Regaletiketten für einen besonderen Blickfang sorgt

POPL ist eine Burgerbar, die 2020 ursprünglich als Noma Pop-up-Konzept begann. Alle Erwartungen wurden weit übertroffen: es gab lange Warteschlagen und gab begeisterte Kritiken. Die Burger wurden schnell als die “Noma Burger” ...

Thumbnail-Foto: Deutschlands erste nahkauf BOX: Bequem einkaufen rund um die Uhr an...
31.03.2022   #stationärer Einzelhandel #Tech in Retail

Deutschlands erste nahkauf BOX: Bequem einkaufen rund um die Uhr an sieben Tagen

Konzept-Test von REWE zur Nahversorgung in ländlichen Siedlungsgebieten

In der oberfränkischen Gemeinde Pettstadt testet REWE unter dem Namen "Josefs nahkauf BOX" ein neues Format, das in Zukunft die Versorgung mit frischen Lebensmitteln und Produkten des täglichen Bedarfs in der 2.000 Einwohner ...

Thumbnail-Foto: Omnichannel-Strategien in der Optikerbranche: Dirk Graber von Mister Spex...
31.03.2022   #Online-Handel #E-Commerce

Omnichannel-Strategien in der Optikerbranche: Dirk Graber von Mister Spex

KI, AR und Online-Tools im Brillenhandel: Statements von eyes + more, Fielmann, Mister Spex, pro optik und Rottler

Offline oder Online? Diese beiden Konzepte als Gegensätze gegenüberzustellen ist überholt; die physische und die digitale Welt vermischen und ergänzen sich – gerade im Einzelhandel. Beispielhaft hierfür haben wir uns ...

Thumbnail-Foto: Personal und Sortiment optimal planen
09.05.2022   #Online-Handel #Tech in Retail

Personal und Sortiment optimal planen

Interview über Technologien zur Messung von Besucherströmen und Bewegungsmustern

Modernste Technologien ermöglichen es Händler*innen, das Verhalten von Besucher*innen in ihren Geschäften zu messen und sowohl in Bezug auf das Personal als auch auf das Sortiment entsprechend zu planen.Anbieter solcher Technologien, ...

Thumbnail-Foto: Virtuelle Anprobe mit AR im E-Commerce
28.04.2022   #Online-Handel #E-Commerce

Virtuelle Anprobe mit AR im E-Commerce

Erweitertes und personalisiertes Onlineshopping durch Augmented Reality

Dass Kund*innen beim Onlineshopping Produktbeschreibungen sowie Bilder oder Videos zur Veranschaulichung finden, ist inzwischen Standard. Aber nur, weil  Konsument*innen eine Vorderansicht sehen oder mithilfe eines Maßbands die ...

Thumbnail-Foto: Wenn Waren „Hallo“ sagen
13.07.2022   #Tech in Retail #Self-Checkout-Systeme

Wenn Waren „Hallo“ sagen

Wie das Start-up Checklens Eingabe- und Scanfehler ausmerzt

Selbst ist der Kunde – vor allem an der Kasse. Self-Checkout-Systeme stehen heutzutage hoch im Kurs. Doch leider versteckt sich hier auch oft der Fehlerteufel, der für Händler*innen rote Zahlen hinterlassen kann. Das österreichische Start-up Checklens ...

Thumbnail-Foto: Kühlung und Kauf leicht gemacht
24.06.2022   #Mobile Payment #Digitalisierung

Kühlung und Kauf leicht gemacht

Wie Smart Fridges die nächste Generation der Verkaufsautomaten einläuten

Ob an Bahnhöfen, Flughäfen oder in Einkaufszentren - Verkaufsautomaten für Snacks, Getränke und kleinere Mahlzeiten findet man überall dort, wo es schnell gehen muss. Doch die Fehleranfälligkeit der Geräte kann ...

Thumbnail-Foto: Schlüssel zum Erfolg für die Transformation des stationären Handels...
31.03.2022   #Tech in Retail #Cash-Management

Schlüssel zum Erfolg für die Transformation des stationären Handels

The Henderson Group setzt auf CASHINFINITY™-Lösungen von GLORY

GLORY, ein weltweit führender Anbieter von Bargeldautomatisierungslösungen für den Handel, hat heute bekannt gegeben, dass das große nordirische Einzelhandelsunternehmen The Henderson Group einen bedeutenden neuen Auftrag ...

Thumbnail-Foto: Vielfalt beim Checkout: IKEA geht mit Self-Service-Angeboten voran...
27.04.2022   #Tech in Retail #Self-Checkout-Systeme

Vielfalt beim Checkout: IKEA geht mit Self-Service-Angeboten voran

Wie Retailer mit dem richtigen Self-Checkout-Schärfegrad den Geschmack der Kundschaft treffen

Für Self-Service-Optionen im Einzelhandelgibt es eine große Zutaten-Bandbreite, von Selbstbedienungskassen über Bestellterminals bis zu mobilem Scanning mit Händler-Geräten, am Einkaufswagen oder dem Kundensmartphone. Als ...

Thumbnail-Foto: Vending und Bezahlen – eine kontaktlose Romanze...
20.07.2022   #Mobile Payment #Coronavirus

Vending und Bezahlen – eine kontaktlose Romanze

Wie die Pandemie die Automaten-, Einzelhandels- und Zahlungsbranche verändert hat

Die Pandemie brachte den Aufschwung kontaktloser Lösungen – nicht nur, aber auch beim Verkaufen und Bezahlen. Eine Variante dieser Lösungen sind Verkaufsautomaten.Da Automaten und Bezahlung Hand in Hand gehen, schnappten wir uns ...

Anbieter

GLORY Global Solutions (Germany) GmbH
GLORY Global Solutions (Germany) GmbH
Thomas-Edison-Platz 1
63263 Neu-Isenburg
Diebold Nixdorf
Diebold Nixdorf
Heinz-Nixdorf-Ring 1
33106 Paderborn
SALTO Systems GmbH
SALTO Systems GmbH
Schwelmer Str. 245
42389 Wuppertal
EuroShop
EuroShop
Stockumer Kirchstraße 61
40474 Düsseldorf
KNAPP Smart Solutions GmbH
KNAPP Smart Solutions GmbH
Uferstraße 10
45881 Gelsenkirchen
Citizen Systems Europe GmbH
Citizen Systems Europe GmbH
Otto-Hirsch-Brücken 17
70329 Stuttgart
SES-imagotag SA
SES-imagotag SA
55 place Nelson Mandela
90000 Nanterre
TeleCash from Fiserv
TeleCash from Fiserv
Marienbader Platz 1
61348 Bad Homburg v. d. Höhe
Captana GmbH
Captana GmbH
Bundesstraße 16
77955 Ettenheim