Interview • 20.07.2020

Smarte Verpackungen: „Hallo, ich bin dein Paket“

Interview mit Alexander Cotte, Co-Founder und CEO von LivingPackets

Ein jugner mann mit Laptop auf dem Schoß spricht und stützt sich mti einer...
Quelle: LivingPackets

Der Paketbote klingelt vergeblich an der Tür, Produkte kommen beschädigt beim Empfänger an und Pappkartons landen nach einmaliger Nutzung im Müll – Schwachpunkte innerhalb des Versandhandels, die das deutsch-französische Startup LivingPackets nun angehen will. Ihr Ziel: eine nachhaltige, zuverlässige und sichere Lieferung. Wir sprachen mit CEO und Co-Founder Alexander Cotte über Herausforderungen und Zukunft des Onlinehandels und ihre intelligente Verpackung THE BOX.

An welchen Stellen weist der traditionelle Onlineversand Schwachstellen auf?

Alexander Cotte: Mit einem jährlichen Wachstum von über 20 Prozent gehört der Onlinehandel weltweit mit zu den schnellst wachsenden Branchen überhaupt. Die Zustellung von rund 100 Milliarden Lieferungen pro Jahr verursacht eine Menge Verpackungsmüll. Geschätzte 700 Millionen Bäume werden jedes Jahr gefällt, allein für die Produktion von Versandkartons. 

Gleichzeitig sind ein Großteil aller Online-Shopper unzufrieden mit der Liefer- und Nutzererfahrung auf der letzten Meile: Pakete kommen beschädigt an, werden nicht zugestellt oder die Kommunikation erweist sich als schwierig.

Und daher sind Sie auf die Idee gekommen, eine intelligente Verpackung zu entwickeln?

Vor vier Jahren hatten wir im Gründerteam zunächst die Idee, Pakete weltweit durch die Mithilfe von Reisenden innerhalb eines Tages zustellen zu lassen. Bei der Entwicklung hat sich aber gezeigt, dass für Lieferkunden nicht unbedingt die Schnelligkeit an erster Stelle steht, sondern dass ihnen Zuverlässigkeit und Sicherheit viel wichtiger sind. So ist die Idee für unsere intelligente Verpackung entstanden: THE BOX.

Was kann die BOX?

THE BOX ist eine Verpackung aus einem robusten Kunststoffgehäuse. Sie ist mit zahlreichen Sensoren (Bewegungssensor, Schocksensor, Temperatur- und Feuchtigkeitssensor), einer integrierten Waage, einer 4G-Internetverbindung, GPS, einem außen angebrachten Display, einer integrierten Kamera, Mikrofon und Lautsprecher ausgestattet. Da sie rund um die Uhr mit dem Internet verbunden ist, kann sie in Echtzeit über unsere App Informationen über Zustand, Position, die Sicherheit der Lieferung und zahlreiche weitere Dinge übermitteln. Über den Lautsprecher und das Mikrofon, das vom Empfänger aktiviert werden muss, kann dieser direkt mit dem Postboten kommunizieren.

THE BOX kann gefaltet für Lieferungen mit einem Volumen von bis zu zwei Litern und entfaltet für Lieferungen bis 32 Liter Volumen genutzt werden. Damit decken wir etwa 80 Prozent aller Lieferungen ab, die im Online-Handel derzeit versandt werden. Die Verpackung ist als Einheit mit der App konzipiert, so dass Kunden zu jeder Zeit einsehen können, wo ihr Paket ist und ob es beschädigt wurde. Unser Ziel ist es, den Nutzern die volle Kontrolle über ihre Lieferung zu geben.

Eine Verpackung in verschiedenen Öffnungsgraden
Quelle: LivingPackets

Zu welchem Zweck sollte ein Empfänger mit einem Postboten via Lautsprecher in Kontakt treten können?

Aktuell gibt es nicht viele Möglichkeiten für einen Postboten, mit dem Empfänger zu kommunizieren: Klingeln in Großstädten funktionieren teilweise nicht, der Empfänger ist gerade kurz unterwegs oder hört die Klingel nicht. So werden Pakete nicht zugestellt, der Empfänger muss mindestens bis zum nächsten Tag warten und die Lieferzeiten verlängern sich für die Postboten – für beide Seiten keine befriedigende Erfahrung.

Deshalb haben wir uns Gedanken dazu gemacht, wie wir diesen Punkt der Lieferkette verbessern können. Und Mikrofon sowie Lautsprecher könnten eine Möglichkeit der direkten Kommunikation zwischen dem Empfänger via App und dem Paketzusteller sein. Auch den Logistikunternehmen bieten wir unsere App an, um nicht nur die Kommunikation durch THE BOX zu ermöglichen, sondern direkt über das mobile Endgerät.

Wie unterscheidet sich THE BOX in puncto Nachhaltigkeit von einem klassischen Karton?

In der Produktion ist THE BOX erst einmal aufwendiger als ein klassischer Pappkarton. Aber dadurch, dass sie viel robuster ist und mit zahlreichen Sensoren und einem langlebigen Akku ausgestattet ist, bietet sie eben die Möglichkeiten für hunderte und tausende Lieferungen genutzt werden zu können und so deutlich nachhaltiger zu sein als herkömmliche Verpackungen.

Eine bislang noch nicht veröffentlichte Studie aus Frankreich zeigt, dass Pappkartons bei 1000 Lieferungen etwa 902kg CO2 erzeugen und THE BOX nur rund 237kg. Das bedeutet eine durchschnittliche Einsparung von 665kg CO2 pro 1000 Lieferungen. Dabei wurden alle Einflüsse wie Logistik, Produktion, Reparatur und weitere mit eingerechnet.

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich der Versandhandel längerfristig verändern?

Sowohl die EU als auch die UN haben großes Interesse daran, das Konzept der Kreislaufwirtschaft in den verschiedensten Bereichen der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens zu etablieren. Auch wir arbeiten daran, dass wir aus der aktuellen Einweg-Logistik ein nachhaltiges zirkuläres System entwickeln. In diesem würden dann Millionen von Tonnen an Plastik nicht länger in den Ozeanen landen und Pappkartons nicht mehr wenige Male benutzt, bevor sie nicht mehr nutzbar sind. Stattdessen würden Versandmöglichkeiten immer und immer wieder verwendet werden können und selbstständig weiter zirkulieren, um die Ressourcen zu schonen. Bis dahin ist es aber auf globaler Ebene noch ein weiter Weg. 

Interview: Sonja Koller

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