Interview • 15.07.2020

Supply Chain: Wissen, was im Regal ist

Worauf sollten stationäre Händler bei ihrem Supply-Chain-Management achten?

Die Kasse klingelt – das ist Musik in den Ohren eines Händlers. Die Umsätze steigen am besten mit zufriedenen Kunden und glücklichen Mitarbeitern. Doch was hat eine gut funktionierende Supply Chain damit zu tun? 

Warum sollten Händler ihre Bestände stets im Blick haben? Und warum schlagen digitale Technologien lange eingeübte manuelle Prozesse? Christian Floerkemeier, Vice President Product, CTO und Mitgründer von Scandit, hat Antworten auf diese Fragen.

Mann in weißem Hemd vor grauem Hintergrund
Quelle: Scandit

Herr Floerkemeier, Stichwort Corona – Wie haben sich die Ansprüche an die Supply Chain seitdem geändert?

Christian Floerkemeier: Die Supply Chain hat sich vor allem im Ladenbereich verändert. Wir sehen es zwar etwas weniger in Europa, international allerdings sehr deutlich: Online-Lebensmitteleinkäufe werden insgesamt immer beliebter. Instacart, als Uber-artige Lösung ist dabei nur ein Anbieter, der in diesem Bereich floriert. Kunden besuchen die Homepage – Instacart hat ein großes Artikel-Sortiment von vielen Retailern – und wählen ihre Bestellung aus. Daraufhin kümmert sich ein Insta-Shopper um diese, geht in den Laden, kauft ein und liefert an den Kunden aus. Innerhalb der Krise sind die Bestellungen bei Instacart durch die Decke gegangen. Das Unternehmen hat über 300.000 neue professionelle Shopper innerhalb von acht Wochen eingestellt. Das zeigt: Die Lieferkette und das gesamte E-Commerce-Verhalten in Verbindung mit stationärem Einzelhandel ändern sich und wachsen. Das sieht man auch in europäischen Ländern: Ein italienischer Einzelhändler hat sich der älteren und hilfsbedürftigen Kunden angenommen. Anfangs fehlte hier zwar die digitale Infrastruktur, innerhalb von drei Wochen haben sie aber eine App ausgerollt, dank der ein Mitarbeiter die Bestellung des Kunden per Telefon oder per Mail entgegennehmen kann, im Laden die Produkte mit dem Mobiltelefon scannt und Freiwillige den Einkauf dann an die Kunden ausliefern.

Am Rande der Wertschöpfungskette lässt sich noch etwas beobachten: Covid-19 hat den Trend des kontaktlosen Shoppens und mobilen Self-Scannings auf jeden Fall befeuert. Normalerweise können Händler eine Wachstumsrate von fünf bis zehn Prozent im Jahr verzeichnen. Im März und April haben sich die Transaktionen teilweise verdoppelt.  

Warum wird die Transparenz und die Nachvollziehbarkeit der Prozesse in Echtzeit immer wichtiger?

Der stationäre Handel kommt vor allem durch Konkurrenten wie Amazon oder Zalando in Zugzwang. Hier können Kunden nachvollziehen, wie es um das Sortiment, die Verfügbarkeit und Lieferbedingungen von Produkten steht. Dadurch ändern sich ihre Ansprüche an alle Arten des Handels, was sich auf die Geschäfte auswirkt. Wenn bestimmte Produkte abends im Laden nicht mehr verfügbar sind, hat der Kunde den direkten Vergleich, denn des allabendlichen Ausverkaufs passiert ihm auf einem Online-Marktplatz nicht. Da müssen stationäre Händler mithalten.

Wie können stationäre Einzelhändler Ihre Wertschöpfungskette optimieren?

Vorweg: Viele Händler setzen mittlerweile auf die Kommissionierung aus dem Laden, und das passiert traditionell ohne technische Hilfen, was Tücken birgt, denn manuell gesteuerte Prozesse im Laden sind eine große Schwachstelle der Supply Chain. Eine Voraussetzung für eine gut funktionierende Wertschöpfungskette ist, dass ein Händler weiß, was er in seinem Laden verkauft und ob alle Produkte stets verfügbar sind. Ein Problem: Viele Händler haben ihre Inventarzahlen nicht genau im Blick und unterscheiden in ihren IT-Systemen nicht zwischen Verkaufsfläche und Lager, sodass sie nicht wissen, ob ein Produkt im Regal steht oder noch aus einer Kiste ausgepackt werden muss. Ein weiteres Manko ist der Aufwand. Preisschilder werden vielleicht einmal im Monat kontrolliert. Einmal täglich durch die Gänge zu laufen und die Regal-Bestände zu prüfen, ist ebenfalls zu wenig. Man muss diese Sachen im Blick haben, sonst riskiert man unzufriedene Kunden.

"Trotz der neuen technologischen Möglichkeiten und in einem Zeitalter, wo wir die Aussicht auf selbstfahrende Autos haben, hält man im Handel teils immer noch am veralteten Konzept von unhandlichen und teuren MDE-Geräten fest, die jeden Strichcode, wie vor 30 Jahren einzeln scannen und die unter den Mitarbeitern geteilt werden müssen. "
Zwei Männer im Lager, einer im Vorder- einer im Hintergrund...
Quelle: PantherMedia / Wavebreakmedia ltd

Die Kundenzufriedenheit ist das A und O – auch bei der Gestaltung der Supply Chain. Aber die Mitarbeiter spielen eine Rolle. 

Der Mitarbeiter ist fast der wichtigste Teil einer Supply Chain. Als Beispiel: Ein französischer Einzelhändler hat gemessen, wie viele Schritte ein Mitarbeiter am Tag macht. Es waren um die 15.000 – das ist eine Menge. Das kommt unter anderem dadurch, dass der Kunde eine Frage hat, der Mitarbeiter zum Regal geht, sich die Produktnummer aufschreibt, durchs gesamte Geschäft ins Back-Office läuft, im System nach den Inventardaten sucht und wieder zurückläuft. Während dieser ganzen Zeit lässt er den Kunden außerdem warten. Das führt zu Frust auf beiden Seiten. Bei dem Einzelhändler haben wir gesehen: Die digitale Transformation fängt beim Personal an. Da reicht ein mobiles Scanner-Gerät fürs Inventar nicht aus, das nicht nur unhandlich, sondern nur für diesen Zweck vorgesehen ist. Ein leichtes, persönliches Smartphone, dass der Mitarbeiter gerne den Arbeitsalltag über bei sich trägt, in dem die Kamera zum Strichcode-Scannen genutzt werden kann und mit dem man einen eigenen Zugang auf Inventar- und Supply-Chain-Daten erhält, ist unerlässlich. Nur so können Einzelhändler dem Kunden zuverlässige Daten an die Hand geben. Mitarbeiter können außerdem beim Inventory-Management helfen und zum Beispiel Preisetiketten korrigieren. Das ist eine sehr anstrengende Arbeit, wenn sie manuell ohne Unterstützung von Smartphone basierten Augmented Reality-Lösungen durchgeführt werden muss.  

Eine Möglichkeit, Prozesse zu vereinfachen, wäre eine Computervision-basierte Preisetiketten-Verifikation. Bedeutet: Man hält das Smartphone ans Regal, die Software auf dem Smartphone scannt den Barcode und erkennt den Preis automatisch und dann sagt ein Augmented Reality-Overlay, ob der Preis richtig oder falsch ist. Bei letzterem kann der Mitarbeiter den korrekten Preis ausdrucken – der Drucker kann sich direkt an seinem Gürtel befinden – und ersetzen. Bei diesen Vorgängen kann man zeitgleich auch direkt Ware nachbestellen. Nochmal zurück zum Thema Self-Scanning: Auch hier spielt der Mitarbeiter eine Rolle. Ihm muss klar gemacht werden, welche Vorteile dieser Checkout-Vorgang auch für ihn hat. Er ist schließlich derjenige, der mit dem Kunden auf der Fläche interagiert, ihm hilft und ihn berät. Es ist wichtig, das Personal bei allen technologischen Entwicklungen – auch wenn sie auf den ersten Blick kundenorientiert erscheinen – einzubeziehen. 

Was hat sich im Vergleich zu vor 15 Jahren im Supply-Chain-Management getan?

Einiges ist beim Alten geblieben, denn MDE-Geräte sind seit 30 Jahren in den Märkten unterwegs. Sie werden meist aufgrund des Gewichts nur selektiv eingesetzt, auch in Covid-Zeiten noch immer von mehreren Mitarbeitern geteilt und ihrer Funktionalität haben sie sich nicht deutlich weiterentwickelt. Mit modernen Software-Lösungen auf handelsüblichen Smartphones gibt es heute die Möglichkeit, 10 oder 15 Barcodes gleichzeitig zu erfassen, mit Augmented Reality effektiver zu arbeiten oder zum Beispiel Verkaufszahlen als Heatmaps am physischen Regal anzuzeigen, um zu schauen, welche Produkte gerade besonders beliebt sind. Man muss auch beim Wareneingang mit diesen neuen Softwarelösungen nicht jede der 20 gelieferten Logistikeinheiten auf einer Palette einzeln scannen, sondern kann alle Codes gleichzeitig erfassen. Solche Vorgänge werden in der Zukunft selbstverständlich sein.

Interview: Katja Laska

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