News • 21.10.2021

Sustainable Fashion: Modebranche auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit

Online-Symposium der Retail Innovation Days konzentrierten sich auf Nachhaltigkeit

Videoinstallation im Studio samt green Screen und Moderator...
Quelle: DHBW

Studiengangleiter Prof. Dr. Oliver Janz und Prorektor Prof. Dr. Tomás Bayón begrüßten Vertreter*innen bekannter Label, Zertifizierer und Händler, die erfolgreiche Praxisprojekte vorstellten und das Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchteten. Über 550 Zuschauer*innen verfolgten den Livestream aus der LIV Bibliothek am Bildungscampus.

„Wir stehen an einem ähnlichen Wendepunkt wie bei der Erfindung des Webstuhls, der das Zeitalter der Industrialisierung einläutete“, so Prof. Dr. Oliver Janz in seiner Begrüßung. Ökologie und soziale Nachhaltigkeit mit nachhaltigem Wirtschaften zu vereinen, das ist die größte Herausforderung der nächsten Jahrzehnte. Entlang der gesamten Lieferkette gibt es unzählige Themen, die die Branche bewegen. Baumwolle zum Beispiel hat einen doppelt so hohen Wasserbedarf wie Weizen. Die Pflanze besetzt weltweit zwei Prozent der Anbaufläche, aber verbraucht 15 Prozent aller Insektizide. Kunstfasern allerdings sind ähnlich umweltschädigend, die Herstellung intensiv im Energieverbrauch. Auch in der textilen Produktion werden weltweit 15.000 unterschiedliche Chemikalien eingesetzt. Auf der anderen Seite wachsen die Berge an entsorgten Kleidern, sind aufgrund der Zusammensetzung aber immer weniger verwertbar. Wo kann man ansetzen, damit Mode nachhaltig wird? Beim Design, in der Kreislaufwirtschaft, in der Politik oder beim Verbraucher?

Auf dem Weg zur Klimaneutralität

Julian Aisslinger, Manager Corporate Sustainability bei Marco O’Polo, meldete sich direkt aus Paris: Dort hat das Label am letzten Donnerstag seine erste komplett nachhaltige Kollektion an Outerwear für Männer vorgestellt, kombiniert mit dem Kampagnenlaunch „It is on us“. Das Unternehmen hat sich seit 1967 mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Aisslinger ist seit einem Jahr dabei und hat die neue Unternehmens-Mission mitentwickelt: Nachhaltigkeit soll der neue Normalzustand werden. Um bis 2025 klimaneutral zu werden, wurde das Unternehmen in einzelne Bereiche aufgeteilt, in denen im ersten Schritt genaue Daten über den CO2-Fußabdruck gesammelt werden. Verantwortlich dafür sind sogenannte Climate Agents, die nicht nur Daten sammeln, sondern auch alle Mitarbeitern motivieren und in den Kulturwandel einbeziehen.

Vorreiter in der Kreislaufwirtschaft

Während Marco O’Polo ganze Unternehmensstrukturen neu aufstellt, beginnt der Outdoorspezialist Mammut Sportsgroup mit einem Recycling-Pilot-Projekt, das branchenweit erste Preise gewonnen hat. „Close the Loop“ richtet sich an die Outdoor-Community – gebrauchte Seile können an ausgewiesenen Recycling-Punkten abgegeben werden. Mammut verarbeitet dann die aus Monomaterial bestehenden Seile in acht Schritten zu neuer Bekleidung. im Rahmen der Pilotierung wurden 300 Seile und 750 Kilogramm Material eingesammelt. Nach dem Proof-of-Concept wird das Projekt 2023 auf 14 europäische Länder ausgeweitet. Neben T-Shirts sollen demnächst Leggings oder Shorts hergestellt werden. Auch weitere Recycling-Projekte sind in Planung: Kunden sollen die recycelten T-Shirts und Leggings an Mammut zurücksenden können. „Bis 2030 wollen wir unseren CO2-Ausstoß um 6.800 t verringern“, verrät Alice Martin, Corporate Responsibility Manager bei Mammut. Auch der Faserhersteller Lenzing Group hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: bis 2050 soll das gesamte Unternehmen „net zero“ klimaneutral werden. Lenzing produziert Fasern aus dem Holzprodukt Zellstoff, darunter Lyocell und Modal der Marke TENCEL. Die Fasern werden CO2-neutral produziert und können so zu einer deutlichen Reduktion des CO2-Fußabdrucks von Kleidung beitragen. Lenzing ist Pionier der Kreislaufwirtschaft mit seinem Konzept, Abfälle in neue Fasern umzuwandeln. Und für mehr Transparenz in der Lieferkette nutzt Lenzing seit neuestem die Blockchain-Technologie, um – gemeinsam mit namhaften Marken und Partnern – Textilien zu etikettieren, damit der Verbraucher ihren Weg bis zum Rohstoff zurückverfolgen kann.

Was wollen die Kunden?

Marc Ramelow, Inhaber mehrerer Modehäuser im Norden Deutschlands ist einer der Innovatoren im Textilhandel. Mode, so Ramelow, sei ein ambivalentes Thema: Kleidung ist und wird ein Ausdrucksmittel bleiben. Händler leben davon, dass sie neue Trends propagieren. Allerdings tritt Nachhaltigkeit immer mehr in den Fokus des Verbrauchers. Ramelow hat Kundenforen inszeniert, um selbst zu erfahren, was genau Nachhaltigkeit für seine Kunden bedeutet. In Kundenworkshops greifen seine Mitarbeiter*innen auch das Thema Kleiderpflege auf, denn allein Waschen, Trocknen und Bügeln verursacht ca. 40% aller Treibhausgasemission von Kleidungsstücken. Der Kern des Nachhaltigkeitsmanagements im Handel liege allerdings, und das ist Ramelow wichtig, im Teilen und Verbreiten von Wissen über Nachhaltigkeit und einer aktiven Teilhabe innerhalb der Branche. Händler sind exzellente Netzwerker und können ihr Potential nutzen, um andere Branchenmitglieder und Kunden zu inspirieren und zum Mitmachen zu bewegen.

Auch die Marke Hugo Boss will die Kunden unterstützen, nachhaltige Produkte schneller und leichter auf der Verkaufsfläche zu identifizieren. Teil der Strategie TODAY.TOMORROW.ALWAYS. ist es, durch farbige Etiketten auf die Linie Responsible Fashion aufmerksam zu machen und dem Kunden auf dem Etikett erste Informationen über die Nachhaltigkeit des Produkts zu geben. Alle Produkte der Linie bestehen aus 60 Prozent zertifizierten Materialien, die Lieferanten unterliegen einem Kodex. Neben einer Mode, die auf Qualität und Langlebigkeit ausgerichtet ist, bezieht BOSS 86 Prozent seiner Baumwolle aus nachhaltigeren Quellen, bis 2025 soll der Wert auf 100 Prozent steigen.

Vom Rohstoff bis zum Produkt: Nachhaltigkeit und Transparenz in den Lieferketten know your stuff ist ein Startup-Unternehmen, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Prozess von der Faser bis zum fertigen Produkt für den Kunden sichtbar zu machen und Marken beim effektiven Lieferkettenmanagement zu unterstützen. Dabei, so Verena Keller, Gründerin des Start-ups, verstehe sich know your stuff als Motivator, der alle Hersteller einlädt, das Thema Nachhaltigkeit auszubauen, auch Klein- und Mittelständler, die sich noch am Anfang befinden. Möchte ein Hersteller Teil der Know your stuff Community werden, müssen 50 Prozent der Lieferkettenpartner bekannt sein. Die Lieferanten verifizieren die Angaben der Hersteller, die Zertifikate werden von know your stuff beglaubigt. Greifbares Ergebnis des Prozesses ist ein Hangtag, über den der Kunde einen QR-Code scannen kann und auf einen Blick verfolgt, welchen Weg das Kleidungsstück genommen hat. Für die Marken hat das Konzept noch andere Vorteile: sie können einsehen, wie lange der Konsument das Produkt recherchiert und an welchem Standort er gescannt hat.

Eine Rückverfolgung per QR-Code bietet auch das Hohenstein Institut an, einer der renommiertesten Siegelanbieter weltweit. Seine Siegel wie z.B. Ökotex sind einem großen Teil der Bevölkerung vertraut. Für Martin Cieslik, Head of Global Marketing und Sales, ist jeder Kunde anders. Für ihn wird es nie den einen idealen Standard geben. Manche Marken und deren Kunden konzentrieren sich eher auf die sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit, für andere wiederum steht die Ökologie im Vordergrund. Im nächsten Jahr erweitert das Institut seinen Service um ein Carbon-Footprint und Water-Footprint Assessment. Das Thema ist dynamisch, viele Standards und Prüfmethoden müssen weiterentwickelt werden, um zum Beispiel zu garantieren, dass recycelte Fasern nicht von einem neuwertigen Produkt stammen.

Nachhaltigkeit entsteht in der Lieferkette

Hennes und Mauritz Deutschland hat zur Diskussion der Nachhaltigkeit in Lieferketten sein Nachhaltigkeitsteam in die Diskussion geschickt: Hendrik Heuermann und Anna Rostamkhani. Hennes und Mauritz ist eine der wenigen Unternehmen, die eigene Produktionsbüros vor Ort in den Produktionsländern aufgebaut haben. Das macht es einfacher, Lieferanten bei Fragen und Problemen direkt zu unterstützen.

Auch kleine Marken profitieren von diesem System und können über die Produktionsbüros von Hennes und Mauritz vor Ort einkaufen. Je mehr Marken sich daran beteiligen, desto größer ist das Gewicht der Branche, faire Arbeitsbedingungen vor Ort durchzusetzen. Doch Heuermann stellt noch weitere Standards der Branche in Frage: Kann man die Kollektionen auf weniger Teile reduzieren? Muss man Mode immer einkaufen, kann man sie nicht auch leihen oder leasen? Werden Marken demnächst auch eine eigene Second-Hand-Linie verkaufen und in welchem Umfang können Kunden Kleidung zum Recyceln wieder abgeben? Für Rostamkhani solle Nachhaltigkeit kein Luxus sein, sondern auch für eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern erschwinglich. 

Nachhaltigkeit ist ein Prozess

Der Abschlussbeitrag des Symposiums kommt von Alexander Kohnstamm, Executive Director der Fair Wear Foundation. Die Fair Wear Foundation ist eine weltweit aktive Organisation, in der alle Stakeholder der Textilbranche gleichwertig vertreten sind. Die Institution ist mit Teams in 11 Ländern weltweit vertreten und unterstützt Unternehmen dabei sozial nachhaltige textile Wertschöpfungsketten aufzubauen. Das Netzwerk der Fairwear Foundation setzt sich auf auch politischer Ebene in den betroffenen Ländern für faire Löhne und Arbeitsbedingungen ein. Diese Aufgabe kann nur durch die Kooperation möglichst vieler Marken und Händler erreicht werden.

Den europäischen Marken stehen häufig sehr große Lieferanten gegenüber, die für eine Vielzahl weiterer Kunden arbeiten, die möglicherweise stärker an niedrigen Preisen als an fairen Löhnen interessiert sind. Wichtig dabei ist laut Kohnstamm die Lieferanten auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit langfristig zu unterstützen und Vertrauen aufzubauen.

Neben Handel und Industrie ist aber auch der Gesetzgeber sowie die Europäische Union gefordert zu handeln. Insbesondere letztere hat durch die Vorgabe von Standards und die Androhung von Handelshemmnissen großen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Sozialgesetzgebung in den Lieferländern. Auch das Lieferkettengesetz unterstützt in diese Richtung.


Quelle: DHBW

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