Service mit Chancen • 24.07.2018

Same-Day-Delivery: Tipps für kleine Einzelhändler

„Die Zeitfenster-Zustellung am Abend ist der Renner“: Interview mit Arne Schulke, Professor for Management Control & Leadership

Nur wenige lokale Einzelhändler trauen sich an die Lieferung am selben Tag heran. Sie sollten ihre „Bauernschläue nutzen“, rät Logistikexperte Arne Schulke von der iubh Internationale Hochschule. Er gibt praktische Tipps, für wen sich der Service lohnt und wie die Waren geschickt zum Kunden gelangen.

Prof. Schulke, warum bieten so wenige kleine Einzelhändler Same-Day-Delivery (SDD) an?

Tja, das habe ich mich in den letzten Jahren selbst häufig gefragt. Sie verpassen meiner Ansicht nach eine große Chance, denn sie erkennen meist nicht den Mehrwert dieses Angebots für Ihre Kunden.

Was genau ist der Mehrwert?

Ganz einfach: den Kunden die Wahl zu lassen, ob sie den Service nutzen möchten. Damit können sich Einzelhändler insbesondere gegen den Marktführer Amazon behaupten.

„Allein der Mehrwert der Zeitfenster-Zustellung wird noch völlig unterschätzt. Ich persönlich bin wirklich froh, dass ich so nette Nachbarn habe, die fast täglich Pakete für meine Familie annehmen.“ (Prof. Arne Schulke)

Prof. Arne Schulke
Prof. Arne Schulke
Quelle: iubh

Wo hakt’s denn genau?

Den kleinen lokalen Einzelhändlern fehlt zum einen das tiefe Verständnis für die Bedürfnisse seiner verschiedenen Kundengruppen. Da ist Amazon jedem kleinen deutschen Einzelhändler eben meilenweit voraus. Zum anderen fürchten sie den technologischen Aufwand. Dabei ist das gar keine hohe Wissenschaft.

Was brauche ich aus technologischer Sicht, um SDD anbieten zu können?

Um SDD im Offline-Handel, sprich fürs Ladengeschäft anzubieten, brauche ich prinzipiell keine Technik, hier geht es vor allem und die organisatorische Darstellung des Auslieferungsprozesses im Hintergrund. Das eigentliche Potenzial liegt aber für Offline-Händler in der Realisierung eines Webshops, der auch an ihr Warenwirtschaftssystem angeschlossen ist. So kann ich sicherstellen, dass meine Kunden auch von daheim bestellen und dann noch taggleich ihre Lieferung erhalten können, ohne sich auf den Weg ins Geschäft machen zu müssen. Technologisch gibt es hierfür heute hoch standardisierte und günstige Lösungen, derer sich viele stationäre Einzelhändler allerdings gar nicht bewusst sind.        

Ihr Tipp?

Händler müssen sich von dem Gedanken trennen, dass die Lieferung ganz schnell gehen muss und damit die Abläufe im Hauptgeschäft lahmlegt. Wir haben festgestellt, dass Kunden die Lieferung gar nicht unbedingt innerhalb von zwei Stunden erhalten wollen, sondern vor allem, wenn sie zu Hause sind. Dementsprechend ist die Zeitfenster-Zustellung am Abend der Renner, das heißt vor allem zwischen 18 und 21 Uhr. Das kommt natürlich dem Same-Day-Konzept sehr gelegen, weil Händler konsolidieren können und nicht während des Tages Einzelsendungen auf den Weg bringen müssen. Dann erst beginnt das Ganze, sich zu rechnen.

Wenn die Technologie demnach nicht das eigentliche Problem ist, dann muss es ja die Auslieferung sein, die Schwierigkeiten bereitet?

Sollte sie nicht, denn die sollte kein Einzelhändler selbst in die Hand nehmen. Sinnvollerweise schauen sie einfach mit ein bisschen Bauernschläue nach jemandem, der das für sie macht.

Mann steckt mit Oberkörper in einem Karton
Einzelhändler sollten den Kopf nicht in den Sand stecken, wenn es um Same-Day-Delivery geht.
Quelle: panthermedia.net/ptnphoto

Zum Beispiel?

Das asiatische Restaurant bei mir gegenüber liefert abends ab 18.00 Uhr ohnehin immer aus. Dann könnte ich doch einen Deal machen, dass deren Fahrer nebenbei meine Bestellungen ausliefert zu einem attraktiven Preis. In solche bestehenden Strukturen kann ich mich relativ einfach einhaken. In jeder Großstadt gibt es ganz viele unterschiedliche Auslieferungen. Wichtig ist natürlich, dass beim Dienstleister sowohl Preis als auch Qualität stimmen, was man testen und gut überwachen muss.

Wie sieht eine mögliche Abwicklung an einem Tag aus?

Vereinfacht: Ich kann jeden Tag um 17.00 Uhr meine Onlinebestellungen und Auslieferungsaufträge aus dem Offline-Handel bearbeiten, mache sie versandfertig und übergebe sie dann an den Dienstleister. Eine stundengenaue Zeitfenster-Zulieferung kann ich gegebenenfalls zusätzlich anbieten, was allerdings schon erheblichen Mehraufwand bedeutet.

In welchen Bereichen lohnt sich SDD besonders?

Gerade im Bereich Convenience ist es heute fast unverzeihlich, wenn man den Service nicht anbietet. Die SDD wird gern gewählt, wenn es um schwere oder voluminöse Dinge geht. Und auch im Lebensmittelbereich – da ist die Marge allerdings sehr gering. Den Kunden erspart das die ungeliebte Schlepperei. Gerade für ältere Menschen ist das ein Mehrwert – und der lässt sich immer mit vermarkten.

Grundsätzlich kann nicht jeder Einzelhändler SDD umsetzen, denn SDD funktioniert nur über kleine Distanzen. Same-Day-Delivery ist darüber hinaus für den Logistiker ein sehr hartes Geschäft. Kostendeckend ist das nur in Ballungsgebieten abzudecken, und Sie müssen als Anbieter sehr hart kalkulieren und Sendungen konsolidieren. Es muss also für Händler und Transporteur passen.

In ländlichen Gegenden klappt das also nicht?

Nein. Als Betriebswirt sage ich Ihnen auch, dass das so bleiben wird. Dafür sind wir Deutschen einfach zum einen selbst zu mobil, daneben ist aber auch die Zahlungsbereitschaft für die Lieferung nach Hause im Europäischen Vergleich zu gering.

Was sind Kunden denn bereit zu zahlen?

Die Zahlungsbereitschaft der Kunden für Same-Day-Delivery liegt generell bei unter fünf Euro Aufschlag. Das ist wenig und gelingt demnach nur in Ballungsgebieten kostendeckend. Wenn die Auslieferung allerdings, wie betont, gut konsolidiert und geplant ist, kann der Service gelingen.

Interview: Natascha Mörs; iXtenso - Magazin für den Einzelhandel

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