Interview • 21.11.2022

„Wolt Drive“: Finnischer Lieferdienst stellt seine Flotte jetzt allen Händlern zur Verfügung

Interview: Wolt bietet lokalen Händler*innen neue Möglichkeiten, um mit dem Onlinehandel Schritt zu halten

Nicht erst seit der Pandemie dominiert der Onlinehandel die Branche. Vor allem junge Menschen, aber zunehmend auch ältere Personen nutzen das Web, um ihre Einkäufe zu erledigen. Davon profitieren in erster Linie die marktbeherrschenden Internetriesen. Damit der stationäre Einzelhandel trotz dieser Entwicklung konkurrenzfähig bleiben kann, müssen neue Ideen und Lösungen her.

Fabio Adlassnigg, Leiter Kommunikation Wolt, lächelt in die Kamera...
Fabio Adlassnigg, Leiter Kommunikation Wolt
Quelle: Wolt

Der finnische Online-Lieferdienst Wolt hat seine Plattform „Wolt Drive“ nun für alle Händler*innen freigegeben, damit auch sie vom den vielfältigen Lieferoptionen sowie zeitnahen und nachhaltigen Zustellungsmöglichkeiten an Kund*innen profitieren können. Wir haben darüber mit Fabio Adlassnigg, Leiter Kommunikation bei Wolt, gesprochen.

Herr Adlassnigg, warum hat sich Wolt zu dem Schritt entschieden, seine Fahrerflotte auch externe Händler*innen zur Verfügung zu stellen?

Die Bedeutung des Onlinehandels wächst und wächst. Doch bestelle ich mir etwas im Internet, muss ich zwangsläufig bei einem der großen Internetanbieter kaufen, obwohl ich eigentlich meinen lokalen Einzelhandel unterstützen möchte. Bestelle ich notgedrungen dann doch bei Amazon und Co., bin ich in der Regel mit überlasteten Paketzusteller*innen und langen Lieferzeiten konfrontiert.

Dabei offenbart meine Bestellung schonungslos die Schwächen unserer städtischen Verkehrsinfrastruktur. Die Städte sind schlicht zu voll und ersticken unter anderem an den vielen Fahrzeugen, die unsere Bestellungen nach Hause liefern. Die städtische Logistik ist leider “festgefahren”. 

Gegründet 2015 in Helsinki mussten wir sehr schnell lernen, eine effiziente und nachhaltige Logistik für Wolt zu finden. Intern bezeichnen wir uns deshalb gerne auch als “Logistikoptimierungsunternehmen”. „Wolt Drive“ war für uns deshalb auch ein logischer nächster Schritt. Nun stellen wir unser Wissen und Fähigkeiten auch anderen Händler*innen zur Verfügung. Wir wollen die städtische Logistik schneller, platzsparender, aber auch nachhaltiger gestalten. Und dabei dem lokalen Einzelhandel das Rüstzeug an die Hand geben, um gegen große Konzerne zu bestehen.

Wie können Händler*innen „Wolt Drive“ nutzen?

Das ist auf mehrere Arten möglich – über eine API-Integration, die es Kund*innen ermöglicht, Wolt Delivery an der Kasse auszuwählen, über eine Webseite, auf der die Einzelhändler*innen Wolt-Kurier*innen von A nach B anfordern können, und schließlich über Plattformen wie Shopify, in den Wolt-Drive integriert ist. Dabei ist wichtig zu betonen: „Wolt Drive“ ist für alle Händler*innen verfügbar, auch wenn sie nicht in der Wolt-App gelistet sind.

Am besten veranschaulicht man das Produkt an Beispielen. In anderen Märkten haben wir „Wolt Drive“ bereits eingeführt:

  • Beispielsweise in Kroatien: Dort gehört unter anderem die Telekom zu den Top-Partnern. Bestellen Telekom-Nutzer*innen hier ein neues Modem, liefert Wolt die Bestellung innerhalb kurzer Zeit aus.
  • Auch in Aserbaidschan bietet Wolt die Dienstleistung an: Eröffne ich ein neues Bankkonto, lässt die dortige Kapital Bank meine Kreditkarte via „Wolt Drive“ ausliefern.
  • In Israel liefert McDonald’s bereits mit Wolt seine Bestellungen aus. Kund*innen bestellen über die eigene McDonald’s App. Erst an der Tür merke ich, dass Wolt meine Bestellung ausgeliefert hat. 

Welche Vorteile bieten sich Händler*innen dadurch?

Wer als lokale*r Einzelhändler*in auch künftig im Wettbewerb bestehen will, muss im Internet präsent sein. Was wir gerade alle beobachten können und was durch die Pandemie noch einmal beschleunigt wurde ist, dass die nächste E-Commerce-Welle den Standard von “same week-” und “same day delivery” zu “next 30min delivery” verschoben hat.

Wir ermöglichen lokalen Einzelhändler*innen ohne großen Aufwand und Kosten daran teilzunehmen und Kund*innen eine Lieferung innerhalb von 35 Minuten anzubieten. Dabei setzen wir fast ausschließlich auf grüne und nachhaltige Lieferoptionen und liefern die Ware mit Fahrrädern zur Kundschaft.

„Wolt Drive“ hilft dem stationären Handel auf diese Weise ohne großen Aufwand und Mühe zum Multichannel-Player zu werden. Damit erreicht er jüngere Kundengruppen, die ansonsten an Internetriesen verloren gehen.

Der lokale Einzelhandel ist das Rückgrat einer jeden Innenstadt, es liegt an uns allen, dass er das auch bleibt. 

Mit welchen Kapazitäten für ihre Lieferungen dürfen Händler*innen bei Wolt rechnen?

Hier sehen wir kaum bis keine Grenzen. Wir beschäftigen bereits heute 4500 Mitarbeiter*innen in Deutschland, die tagtäglich für Wolt auf der Straße Waren ausliefern.  Alle unsere Kurier*innen sind fest angestellt, krankenversichert und werden erkennbar über Mindestlohn bezahlt. 

Darüber hinaus bezahlen wir eine zusätzliche Vergütung für jede ausgeführte Bestellung. Liefert ein*e Wolt Kurier*in also mehr Bestellungen aus, ist es auch möglich, mehr Geld zu verdienen. Liegt dann einmal doch kein Auftrag vor, bekommen unsere Kurier*innen dennoch einen fairen Stundenlohn. Sie haben also in jedem Fall ein festes Einkommen und sind im Krankheitsfall abgesichert. 

Zahlen Kund*innen weiter direkt an die Händler*innen oder läuft die Bezahlung über Wolt?

Der Kundenstrom bleibt bei den Händler*innen. Wir arbeiten bei „Wolt Drive“ nicht mit Kommissionen. Es wird nur eine Gebühr pro Bestellung fällig, abhängig von der Menge und Größe der Ware. Die Händler*innen behalten den kompletten Bestellprozess über die Hoheit über ihre Kund*innen. 

Gibt es Pläne, die Zusammenarbeit mit externen Händler*innen in Zukunft noch auszuweiten?

Wir stehen mit „Wolt Drive“ in Deutschland noch ganz am Anfang, haben das Produkt auch erst vor kurzem im deutschen Markt eingeführt. Wir sehen aber bereits jetzt großes Interesse. Dabei wurde auch schnell deutlich: Das Ende des klassischen “Pure Player”, also Händler*innen, die nur auf On- oder Offline setzen, ist schon lange eingeläutet. 

Die Händler*innen müssen dort sein, wo die Kund*innen sind. Einige Kund*innen gehen in den Laden, andere auf die Homepage und wieder andere direkt auf Plattformen wie Wolt. Mit „Wolt Drive“ bieten wir Händler*innen nun die Wahl. Wir sehen aber bereits jetzt, dass Händler*innen sowohl Interesse haben, auf Wolt gelistet zu sein, als auch die Lieferung via „Wolt Drive“ aus ihrem eigenen Shop in Anspruch zu nehmen.

Interview: Matthias Groß

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