Interview • 20.11.2018

Stadtmanagement gegen Leerstand und für den Einzelhandel

„Die Gemeinschaft der Händler muss noch weiter zusammenwachsen“: Einblicke der Citymanagerin Nicole Halves-Volmer aus Delmenhorst

Modernes Citymanagement beinhaltet immer auch die Zusammenarbeit mit den Einzelhändlern einer Stadt. Die charismatische Citymanagerin Nicole Halves-Volmer arbeitet mit Herzblut für die Stadt Delmenhorst und spricht im Interview über Aktionen mit und für den Einzelhandel.

Bei einer ihrer Veranstaltungen der Delmenhorster Wirtschaftsförderungsgesellschaft (dwfg) durfte ich als Referentin dabei sein und den lokalen Einzelhändlern Beispiele für Schaufenster- und Shopgestaltung zeigen. Das Treffen mit 25 Einzelhändlern fand mitten im beinah hundertjährigen Schuhgeschäft Gerdes statt.

Frau Halves-Volmer, warum veranstalten Sie solche Abende für die Einzelhändler?

Wir haben die Veranstaltungsreihe „City Impulse“ als Plattform zum Austausch der Innenstadt-Akteure konzipiert. Besonders die Einzelhändler sollen die Möglichkeit erhalten, sich mit den anderen Interessensgruppen der Innenstadt auszutauschen und mit ihnen innenstadtrelevante Themen zu vertiefen.

Nicole Halves-Volmer beim Vortrag über die Marketing-Möglichkeiten ihrer Stadt...
Nicole Halves-Volmer beim Vortrag über die Marketing-Möglichkeiten ihrer Stadt
Quelle: dwg

Wie viele Einzelhändler hat Delmenhorst?

Im gesamten Stadtgebiet sind es rund 420 Betriebe (Stand 2016) davon befinden sich 113 Betriebe in der Innenstadt.

Welche Maßnahmen und Aktionen machen Sie gemeinsam mit ihnen?

Gemäß unserem Konzept für das Citymanagement Delmenhorst sind dies vor allem Maßnahmen zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität, Maßnahmen zum Ladenflächenmanagement sowie diverse Aktionen und Projekte zur Kundenbindung und natürlich der Aufbau und die Pflege von Netzwerken, zu denen auch die Veranstaltungsreihe „City Impulse“ gehört.

Wie kommen diese Events bei den Kunden an?

Die Delmenhorster feiern gerne. Es gibt eine ganze Anzahl an etablierten Veranstaltungen wie das Kartoffelfest, das Stadtfest, den Kramermarkt, den Autofrühling oder auch das Mittelalterfestival „Graf Gerds Stadtgetümmel“. Diese Veranstaltung stoßen auf große Akzeptanz und erfreuen jährlich zehntausende Besucher aus Delmenhorst und dem Umland. Meine Aufgabe innerhalb der dwfg ist dabei die Einbindung des Handels.

Sehen Sie da Unterschiede zwischen Einheimischen und Besuchern der Stadt?

Es gibt sicher eine unterschiedliche Strahlkraft der Veranstaltungen. Das Kartoffelfest ist eine feste Größe im Veranstaltungskalender der Region. Zu dieser Veranstaltung kommen auch viele Besucher aus den benachbarten Großstädten Bremen und Oldenburg. Das größte Einzugsgebiet hat jedoch wohl das Mittelalterspektakel „Graf Gerds Stadtgetümmel“. Unter den Mittelaltermärkten in Deutschland hat sich die dwfg einen Namen gemacht und die Fans kommen aus ganz Norddeutschland zu uns, um auf der Burginsel in den Graftanlagen zu feiern.

Zuhörer Abendversantaltung
Die Abendveranstaltung für Einzelhändler fand im Schuhhaus Gerdes statt.
Quelle: dwg

Derzeit leidet die Stadt unter höherem Leerstand, auch bedingt durch die langjährige Sanierung der Fußgängerzone. Wie versuchen Sie, hier gegenzusteuern?

Nach dem Aufbau eines Gewerbeflächenkatasters der leeren Ladenlokale und der Kontaktaufnahme mit den Eigentümern sind im vergangenen Jahr die ersten Zwischennutzungsprojekte unter Mithilfe der dwfg gestartet. Nach der Eröffnung eines kreativen Shops und einer Galerie im Oktober planen wir für dieses Jahr noch die Eröffnung von HORST, einem Pop-up-Konzept mit Café, Laden und viel Fläche, um sich auszuprobieren. Auch wir sind ganz gespannt, wie dieses innovative Konzept angenommen wird.

Ein heterogenes Feld von Einzelhändlern und sicherlich sehr unterschiedliche Charaktere stellen Sie bestimmt vor einige Herausforderungen …

Natürlich, aber genau deswegen habe ich mich für diesen Beruf entschieden. Es wird niemals langweilig. Man braucht immer neue gute Ideen, eine große Portion Enthusiasmus und viel Überzeugungskraft.

Delmenhorst ist nicht erste Stadt, für die Sie im Citymanagement arbeiten. Was haben diese Städte bezogen auf die Entwicklung des Einzelhandels gemeinsam?

Alle Städte haben es zurzeit aufgrund des Strukturwandels im Einzelhandel und des Preiskampfs im Internet schwer. Der Markt bereinigt sich, die Anzahl an stationären Einzelhändlern verringert sich, der Gastronomie und Dienstleistungssektor kann diese Lücken im Bestand nur teilweise schließen. Um am Markt zu bestehen, müssen die Händler noch flexibler werden, stärker auf die Wünsche ihrer Kunden eingehen, die Sortimente öfters wechseln und sich von einheitlichen Angeboten absetzen. Nicht leicht und für viele aus verschieden Gründen nicht umsetzbar. Das Citymanagement der dwfg kann hier auch nur Hilfestellungen geben und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum steigern.

Bernd, Patricia und Marc Angels
Familienbetrieb seit 100 Jahren: Schuhhaus Gerdes mit den Inhabern Bernd, Patricia und Marc Engels
Quelle: iXtenso/Mörs

Was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Fragen für die stationären EH derzeit?

Für den einzelnen Händler sind dies natürlich in erster Linie folgende Fragen:

  • Wie behaupte ich meine Stellung am Markt?
  • Wie erreiche ich meine Kunden?
  • Wie kann ich umstrukturieren, wenn es bereits nicht mehr so gut läuft?

Wichtig ist hier die Einsicht, dass man sich zuerst mal selbst fragen muss, woran es liegt und ob man selbst daran etwas ändern kann. Natürlich gibt es auch äußere Einflüsse, wie beispielsweise länger bestehende Baustellen vor der Tür, aber meist ist dies nur ein Teil des Problems und oft hat man darauf auch nur bedingt Einfluss.

Natascha Mörs
Es war mir ein Vergnügen: mein Vortrag über Schaufenster- und Storedesign für ein aufmerksames Publikum. Viele Grüße nach Delmenhorst!
Quelle: dwg

Sie sagen Ihren Einzelhändlern: „Wir können Veranstaltungen für die Stadt planen, aber in den Laden ziehen müssen Sie die Kunden selbst.“ Wie könnte das in Delmenhorst noch besser gelingen?

Da haben Sie in der letzten Veranstaltung ja bereits gute Hinweise und Ideen geliefert. Ein spannend gestaltetes Schaufenster, eine gut konzipierte Ladeneinrichtung, zielgerichtete Kundenansprache, hervorragender Service und mit regelmäßigem Sortimentswechsel einfach neue Anreize schaffen. Der Einzelhändler muss sich auch fragen, ob er nicht W-LAN anbieten möchte oder auf der eigenen Website Beratung, Dienstleistungen oder einen Online-Shop. Auch die Einführung eines Kundenbindungssystems kann für den Betrieb richtig sein. Es gibt mittlerweile vieles, das am Markt angeboten wird. Hier muss jeder einzelne prüfen, was zu ihm passt, er finanzieren und betreiben kann.

Welche Pläne haben Sie für die Delmenhorster Einzelhändler in Zukunft?

Die Gemeinschaft der Händler muss noch weiter zusammenwachsen. Dabei helfen die Netzwerkveranstaltungen wie die „City Impulse“ sehr gut. Gemeinsam bekommen wir sicher mit vielen kleinen, netten Aktionen Schwung in die Einzelhandelslandschaft. Die Delmenhorster müssen wieder selbst an sich und ihre Innenstadt glauben. Zudem möchte ich durch meine Expertise mit der dwfg auch bei der weiteren Entwicklung und Gestaltung der Innenstadt mitreden.

Interview: Natascha Mörs; iXtenso - Magazin für den Einzelhandel

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