Interview • 27.05.2020

Berufsmacher 4.0: E-Commerce

Aus- und Fortbildungsberufe für den Einzelhandel boomen

Blonde Frau
Quelle: Copyright Die Hoffotografen GmbH Berlin. / www.hoffotografen.de

Die Digitalisierung im Einzelhandel und der steigende Anteil des Onlinehandels stellen neue Anforderungen an das Personal und die Berufswelt. Das Interesse am neuen Ausbildungsberuf „Kaufleute im E-Commerce“ des Handelsverband Deutschland (HDE) ist daher ungebrochen groß. Allein im Ausbildungsjahr 2019/2020 wurden knapp 1.600 neue Verträge abgeschlossen. Das wachsende Interesse unterstreicht, wie groß der Bedarf der Unternehmen ist. 

Mit dem Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce werden die Auszubildenden systematisch für eine Karriere im Onlinehandel qualifiziert. An diese Erfolgsgeschichte knüpft nun auch eine neue Fortbildung an: Fachwirt/Fachwirtin im E-Commerce. Diese gibt es seit Dezember 2019.Wir haben mit Katharina Weinert, Abteilungsleiterin Bildungspolitik und Berufsbildung beim HDE gesprochen. 

Frau Weinert, E-Commerce befindet sich immer schon im stetigen Wandel. Entwicklungen finden teilweise in einem rasanten Tempo statt. Wird der Ausbildungsplan regelmäßig angepasst?

Katharina Weinert: Vorweg: Wir schauen bei der Schaffung eines neuen Berufs oder wenn wir einen bestehenden Beruf modernisieren immer ganz genau hin und formulieren Lernziele so, dass sie sich an verschiedene betriebliche Gegebenheiten anpassen können – Lernziele sind also in der Regel „technikoffen“ formuliert. Wenn man sich eine Berufsbildposition heraussucht, die berufsspezifisch ist, zum Beispiel "Kundenkommunikation gestalten", da sagen wir nicht "wie" es passieren soll, aber der Auszubildende soll hier beispielswiese  Kundenkommunikationskanäle auswählen, einsetzen und die Auswahl auf Grundlage des Kundenverhaltens anpassen. 

Hier ist der Ausbildungsrahmenplan offen formuliert. Muss er auch, weil wir die Unternehmen nicht einengen wollen. Wir wollen nicht festlegen, über welche Kanäle der Betrieb und damit auch der Auszubildende kommunizieren soll, ob er den Kunden im Laden bedient, am Telefon berät oder Social Media einsetzt. Während der Ausbildung soll er alle Kommunikationskanäle kennenlernen und neu hinzukommende auf ihre Einsatzfähigkeit prüfen 

Auch die Lehrer müssen sich auf diese Lehrsituation einstellen, loslassen und neuen Methoden gegenüber aufgeschlossen sein. Sie dürfen sich nicht an Lehrbücher klammern, denn diese sind teilweise schon ein Jahr später bereits überholt

Gleiches gilt für Unternehmen. Ich wurde einmal gefragt: Was mache ich denn, wenn der Azubi aus der Schule kommt, mir einen Vertriebskanal präsentiert und ich davon noch nie etwas gehört habe? Meine Antwort: Genau das ist sein Job. Er soll mit neuen Ideen in Ihr Unternehmen kommen und Ihnen diese und das Potenzial, das darin steckt, erklären und so etwas Innovatives einbringen. 

Worauf kommt es in den Praxisphasen in den Unternehmen an?

Es gibt Unternehmen, die Auszubildende über den Ausbildungsplan hinaus zum Beispiel Programmiertätigkeiten beibringen oder aber sie in den Logistikbereich, also ins Lager, reinschnuppern lassen, damit sie die Prozesse verstehen. Genauso gibt es aber auch Unternehmen, die ihre Auszubildenden ins stationäre Geschäft schicken. Oder auch welche, die sogenannte "Verbundausbildungen" vornehmen. Wenn ein Onlinehändler beispielsweise sein Marketing outsourced und sich eine Agentur darum kümmert, kann der Händler trotzdem ausbilden, da er mit besagter Agentur eine Verbundausbildung eingehen kann. Konkret: Unternehmen können, um den Ausbildungsrahmenplan zu erfüllen, mit Partnern zusammenarbeiten. 

Wie kann man sich die Prüfungen vorstellen?

Die Prüfungen finden schriftlich und mündlich statt. Für die mündliche Prüfung müssen Auszubildende unter anderem ein typisches E-Commerce-Projekt in ihrem Unternehmen absolvieren, zum Beispiel eine Themenseite für den Onlineshop erstellen. Dazu fertigen sie auch einen Bericht an, den sie zur anstehenden Prüfung einreichen müssen. 

Icon von Facebook und Instagram vor einem grün gestreiftem Hintergrund...
Auch die Social Media-Kanäle werden bei der Ausbildung nicht außer Acht gelassen.
Quelle: PantherMedia / Dmyrto_Z

Schauen wir mal in die Zukunft: Die ersten Auszubildenden sind nächstes Jahr fertig mit der Ausbildung. Welche Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es perspektivisch?

Kaufleute im E-Commerce können verschiedene Fortbildung wählen, um sich weiterzubilden, beispielsweise den Handelsfachwirt, den Fachwirtin für Vertrieb im Einzelhandel, Fachwirt für Marketing. Zudem wurde im Dezember 2019 im Bundesgesetzblatt eine ganz neue und bundesweit einheitliche Fortbildung veröffentlicht: Fachwirt/Fachwirtin im E-Commerce. Diese Fortbildung kann beispielsweise von Kaufleuten im E-Commerce, Kaufleuten im Einzelhandel oder Bankkaufleuten angestrebt werden. Grundlage ist eine kaufmännische Ausbildung oder aber – und deshalb ist die Fortbildung auch für Beschäftigte so interessant – von jemanden, der schon länger im E-Commerce-Bereich tätig ist. Die den E-Commerce sozusagen „Learning by doing“ betrieben haben und sich jetzt systematisch qualifizieren möchten. Man kann diese Weiterbildung auch beginnen, wenn man beispielsweise ein Studium abgebrochen hat, aber bereits 90 CTS-Punkte in einem betriebswirtschaftlichen Studium erworben hat. Genauso kristallisieren sich die Abiturientenprogramme, wie es sie schon in anderen Handelsbereichen gibt, auch für den E-Commerce heraus. 

Was ist das Besondere an diesen Abiturientenprogrammen?

Abiturientenprogramme sind etwas sehr Handelsspezifisches, da in dieser Branche viel Fach- und Führungskräfte benötigt werden: Marktleiter, Category Manager, Marketing Sales Manager, Key Account E-Commerce-Manager oder Personal für die Logistik und im Vertrieb. Die Teilnehmer werden sehr schnell und intensiv auf Führungsverantwortung vorbereitet. Ein Beispiel: Die Ausbildung „Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel“ wird auf anderthalb Jahre verkürzt. Dann folgt beispielsweise der Handelsfachwirt als Fortbildung, auch in anderthalb Jahren. Optional kann noch der Ausbilderschein erworben werden, also insgesamt bis zu drei Abschlüsse innerhalb von  drei Jahren. Das Interessante für Studienabbrecher oder Abiturienten: Die Fortbildungen, wie der Handelsfachwirt oder die Fachwirtin für E-Commerce, stehen beide auf der DQR-Stufe 6 (Deutscher Qualifikationsrahmen Stufe 6) und sind damit dem Bachelor-Abschluss gleichwertig.  Zudem kommt der Praxisbezug bei den Abiturientenprogrammen gut an, insbesondere bei jenen, denen ein rein theoretisches Studium nicht liegt. Die kombinierten Abiturientenprogramme werden jetzt auch für den E-Commerce angeboten.

Interview: Melanie Günther

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