Interview • 18.10.2021

Technologische Innovationen bei Kassensystemen voranbringen

Frank Schlesinger von der IGZTK über Fiskalisierung, Clouds, Big Data und den Kassenmarkt

Im Bereich Kasse und Payment schreitet die Digitalisierung rasch voran. Die „Interessengemeinschaft Zukunftsweisende Technologiehersteller für Kassensysteme“ (IGZTK) will den Zugang zu innovativen Technologien wie der Cloud erleichtern und über sie aufklären.

Nun haben die Anbieter orderbird, ready2order, studiolution, tillhub, Anker, gastronovi und Lightspeed einen eigenständigen Verein ausgegründet. Eines der Vorstandsmitglieder – Frank Schlesinger, CTO von orderbird – haben wir über die Ziele der IGZTK befragt.

Außerdem hat uns interessiert: Welche Vorteile haben cloud-basierte Kassensysteme? Und welche technologischen Innovationen kommen noch auf Nutzer von Kassensystemen zu?

Ein Mann im Hemd lächelt in die Kamera
Frank Schlesinger, CTO von orderbird und Vorstandsmitglied der IGZTK
Quelle: orderbird

Wie kam es zu der Vereinsgründung?

Frank Schlesinger: Der Anlass für unsere Vereinsgründung waren die Änderungen im Fiskalisierungsgesetz in Deutschland. Das Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen wurde 2016 vom Bundestag verabschiedet. Bis zum 01. Januar 2020 musste jede Kasse mit einer Technischen Sicherheitseinrichtung (TSE) ausgerüstet werden.

Grundsätzlich ist alles, was Steuerbetrug verhindert und Qualitätsstandards setzt, eine gute Sache. Dennoch haben wir als Kassenhersteller uns sehr alleingelassen gefühlt mit dieser Anforderung.

Bei uns als cloud-basierte Kassenhersteller sind die Daten unserer Kunden ja eh nicht mehr im Einzelhandelsunternehmen, im Restaurant, im Friseursalon. Sondern in dem Moment der Eingabe werden sie ins Rechenzentrum übertragen und sind manipulationssicher.

Die Vorstellung beim Bundesfinanzministerium und beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik von einer Kasse war damals aber eine ganz andere: Die dachten an den Kasten auf der Theke. Dementsprechend haben Hersteller von TSEs ihre Lösungen entwickelt, sehr hardware-zentriert.

Die Realität sah aber anders aus: Für den großen Anteil an Kassen in Deutschland, die entweder web-browser-basiert sind oder Tablets als Eingabegeräte nutzen, deren ganze Kassenlogik in einem Backend in der Cloud liegt, funktionieren diese Lösungen nicht.

In dieser Situation bin ich damals auf unsere Mitbewerber zugegangen, wir hatten ja alle dasselbe Problem. Daraus ist eine Verbandsarbeit entstanden, wir haben Kontakte zu Verbänden und Behörden aufgenommen und über die Problematik aufgeklärt.

Was habt ihr politisch mittlerweile erreicht?

Inzwischen konnten wir darauf einwirken, dass auch cloud-basierte TSEs zertifiziert werden. Das gelang allerdings erst, nachdem gesetzliche Fristen schon abgelaufen waren. Wir haben uns dafür eingesetzt, Schaden von unseren Kunden abzuwenden, die ja für eine bestimmte Zeit Systeme im Einsatz hatten, die noch nicht zertifiziert waren.

In der Praxis gibt es noch sehr viele offene Fragen, beispielsweise was die Kassennachschau und die Arbeit der Steuerprüfer angeht. Daher gehe ich davon aus, dass in den nächsten Monaten noch ganz viel gelernt wird.

Wie weit sind denn die Unternehmer mit der technischen Umsetzung der Kassensicherungsverordnung?

Genaue Zahlen sind schwierig zu ermitteln.

Bei unseren Kunden haben wir eine TSE-Ausrollquote von etwa 90 Prozent. Unter den restlichen zehn Prozent wird es einige Gastronomen geben, die noch nicht wieder aufgemacht haben, aber sicherlich auch Unternehmer, die die Dringlichkeit noch nicht erkannt haben.

Was ich aber sehe, wenn ich in Berlin die Straße runter gehe: Die großen Ketten, die Profis, die sind alle fiskalisiert. Das sehen Sie am Kassenbeleg an der verschlüsselten Prüfsumme. Aber oft erhalte ich gar keinen Beleg, oft sehe ich alte vergilbte Kassen, die gar keine TSE haben können. Aus dieser direkten, subjektiven Beobachtung heraus schätze ich eher auf eine Quote von 50 Prozent.

„Mittlerweile repräsentieren wir mit über 30 Mitgliedern mehr als 100.000 Kassensysteme in Deutschland. Wir verstehen uns als Verband derjenigen Kassenhersteller, die aufgrund neuer Technologien immer wieder an die Grenze dessen gelangen werden, was Gesetzgeber sich überhaupt vorstellen können.“
Ein eingerollter Kassenbon auf weißem Hintergrund
Quelle: PantherMedia/BrianAJackson

Was bedeutet denn ein cloud-basiertes Kassensystem für die tägliche Arbeit eines Einzelhändlers?

Die einfachste Antwort ist: gar nicht viel. Ein vernünftiges Kassensystem bedeutet, dass man die Instrumente hat, die man braucht. Wenn ich Funktionen wie beispielsweise Inventurmanagement integrieren kann, die Software gut bedienen und das alles bezahlen kann, ist mir das System dahinter ja eigentlich egal.

Dennoch finde ich, dass ein Cloud-System viele Vorteile hat. Einige davon hängen auch mit dem Geschäftsmodell „Software as a Service“ (SaaS) zusammen.

Mit einem Cloud-System nehme ich als Kunde an der technischen Weiterentwicklung teil, ich erhalte Sicherheits- und Softwareupdates und ich habe einen Service-Partner, der mir rund um die Uhr zur Verfügung steht, außerdem profitiere ich von neuen Lösungen und Schnittstellen. Und unsere Kassensysteme bieten in der Regel auch eine bessere User Experience.

Digitale Geschäftsmodelle sind einfach erfolgreich, denken Sie an Streaming-Angebote für Musik oder Serien. Leute möchten das bestmögliche und größtmögliche Angebot, ohne haufenweise Zeug rumstehen zu haben, und das ganz einfach auf jedem mobilen Endgerät. Wer einen Laden betreibt, möchte sich auf das Geschäft und das Verkaufen konzentrieren. Ein Einzelhändler hat viele Bedürfnisse, was Sicherheit, Bezahlmethoden, Software-Entwicklung, Datenaustausch und -nutzung angeht. Aber die Komplexität des Ganzen, damit will er sich nicht auseinandersetzen müssen.

Welche anderen Technologien und Innovationen kommen neben der Cloud auf Händler und Nutzer von Kassensystemen in den nächsten Jahren zu?

In Deutschland sind jetzt die ersten Kassensysteme auf dem Markt, die All-in-One-Geräte sind. Ein Verkaufsmitarbeiter hat also ein Smartphone mit integriertem Kartenleseterminal und Belegdrucker und kann überall elektronische Zahlungen akzeptieren und steuerrechtlich konforme Rechnungen und Belege erstellen.

Ein zweites großes Thema ist Big Data. Hersteller von cloud-basierten Kassensystemen öffnen da eigentlich den Wettbewerb: orderbird beispielsweise hat Verkehrsdaten von 14.000 Kunden aus mehreren Ländern. Daraus lässt sich ablesen, wann ein Produkt zum Beispiel zu billig oder zu teuer angeboten wird. Aus diesen Daten können wir Produkte entwickeln, die Unternehmern Orientierungshilfe für Geschäftsentscheidungen geben. Und dieses Wissen steht dann nicht mehr nur den großen Ketten zur Verfügung, sondern auch den kleinen, unabhängigen Unternehmern.

Wie stehen Deutschland und Europa eigentlich im internationalen Vergleich da, wenn es um den Markt von Kassensytemanbietern geht?

In Europa und auch in Deutschland ist der Kassenmarkt stark fragmentiert, auch von der technologischen Bandbreite her; es gibt sowohl alteingesessene als auch ganz junge Betriebe am Markt. Was wir in den USA beobachtet haben: Das Thema Payment hat dort die Entwicklung der Kassensysteme vorangetrieben. Anbieter wie Square oder Toast haben Händlern Payment-Lösungen als SaaS angeboten, die Kasse bekamen sie quasi dazu.

Historisch gesehen ist bei uns die Akzeptanz für Neues geringer, für Clouds, E-Payment, kontaktloses Bezahlen und so weiter. Hinzu kommt noch eine Bürokratie, die Weiterentwicklungen erschwert. Wenn ich in Verbänden und Gremien unterwegs bin, höre ich immer viel über Europas digitale Souveränität. Wir sind aber abhängig von den Plattformen der Amerikaner, bald vielleicht sogar von denen der Chinesen. Auch darum bemühen wir uns als IGZTK beim Thema Kassen: Nicht nur auf die tollen Entwicklungen der anderen schauen zu müssen, sondern sie selbst anzupacken.

Interview: Julia Pott

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